Umgang mit der Krankheit

Hier berichte ich von meinem Umgang mit der Krankheit; angefangen vom Zeitpunkt der Diagnosestellung (2012) bis zum 31.12.2016.

  1. Kapitel (Oktober 2012)

Als ich die Diagnose Borderline bekam, ist für mich die Welt zusammengebrochen. Ich war zu erschüttert von dieser Erkenntnis. Mein erster Gedanke war: „Damit kannst du nicht weiterleben.“. Diese Gedanken habe ich dann auch meiner Co- Therapeutin in der Klinik mitgeteilt. Sie hat daraufhin überraschendes für mich parat gehabt: „Sie haben doch bisher auch damit gelebt. Warum sollte es die nächsten Jahre nicht auch so gehen? Ist es nicht eher erleichternd, endlich eine Diagnose zu haben und zu wissen, was mich mein Leben lang so gequält hat? Nun können wir Ihnen erst richtig helfen. Neue Ansätze und neue Wege finden.“ Diese Worte musste ich erstmal sacken lassen. Sollte sie vielleicht Recht haben?

2. Kapitel (Kurzer Rückblick auf meine Vergangenheit) 

Achtung: Triggergefahr!!!

Mein ganzes Leben war geprägt davon, mich um andere Menschen zu kümmern, für andere da zu sein. Insbesondere für meine Mutter und meine Geschwister. Die Verhältnisse, aus denen ich komme: sagen wir mal unglücklich und dysfunktional. Das zieht sich bis heute noch durch mein Leben. Trotzdem gebe ich nicht auf. In der Klinik und durch meine letzte Therapie habe ich erkannt, dass ich nicht Schuld an den Ereignisse und der schweren Zeit in meiner Familie bin, dass ich meine Familie nicht „retten“ konnte, dass meine Mutter im Alkohol versumpft ist und uns Kinder nicht mehr wahrnehmen konnte. Wie fühlte es sich an als Kind einer alkoholkranken Mutter? Ja, wie eigentlich? Ich wusste es bis heute nicht. Hatte es verdrängt. Ich musste ja funktionieren. Für Gefühle blieb da kein Raum. Keine Zeit. Niemand hat etwas gemerkt. Wir durften ja nichts sagen. Emotionaler Missbrauch, Erpressung, Schuldzuweisungen und Vorwürfe waren an der Tagesordnung. Sicherlich nicht bewusst aber es ist eben doch passiert. Über viele Jahre. Viel zu lange. Ich habe mir immer gewünscht, es würde anders werden. Entspannter, fröhlicher, keine aufgeladene und angespannte Stimmung, wenn meine Mutter nach Hause kam. Immer war da die Angst, was passiert als nächstes. Dreht sie wieder durch? Ist sie wieder betrunken? Welche Vorwürfe darf ich heute erwarten? Habe ich genug sauber gemacht? Essen gekocht? „Oh Gott, nein! Die Treppe ist nicht gewischt. Jetzt gibt es richtig Ärger und Terror.“, solche Gedanken schossen mir durch den Kopf, als meine Mutter zur Tür herein kam. Die pure Angst und Verzweiflung. Wie hält man das auf Dauer aus? Darauf habe ich heute eine Antwort gefunden: Ich habe funktioniert. Wie ein Roboter. Ohne Gefühl. Ich habe versucht, es meiner Familie recht zu machen, mich um sie zu kümmern, möglichst keinen Ärger zu machen und unauffällig zu sein. Deshalb habe ich auch nichts gesagt, als ich im Alter von 17 Jahren sexuell missbraucht wurde. Wiederum über mehrere Monate; von einem Täter, den ich gut kannte, dem ich vertraut habe… Bei dem ich Trost und Schutz gesucht habe… Aber ich konnte ja nichts sagen, meine Familie mit meinen Sorgen und Nöten belasten. Die Angst vor einer Katastrophe war viel zu stark. Sie wissen es bis heute nicht. Nur meine Schwester weiß, dass ich ab diesem Zeitpunkt immer öfter auf die Bahnschienen gegangen bin. Das erste Jahr bin ich noch von den Gleisen gesprungen, als der Zug kam. Zunehmend hatte ich mich aber gefragt, wie es wohl wäre, einfach stehen zu bleiben… Den Verhältnissen zu entfliehen? Einfach nicht mehr da zu sein? Meine Verzweiflung, Hilflosigkeit, Trauer und Angst wuchs schließlich von Tag zu Tag. Auch die Gespräche mit meinem Vertrauenslehrer konnten mir kaum noch helfen und mich auffangen. Ich hatte damals schon erste Suizidgedanken geäußert. Meine Lehrer haben super reagiert! Fast wäre ich in der geschlossenen Psychiatrie gelandet. Oft denke ich, das wäre sicherlich besser gewesen. Aber die Angst vor der Reaktion meiner Mutter war zu groß. Also habe ich wieder zurück gerudert. Habe meine Gedanken meinem Vertrauenslehrer gegenüber relativiert und versprochen, mir nichts anzutun. Trotzdem war der Gedanke weiterhin da. Wäre ich damals in die Psychiatrie gekommen, hätte man mich sicherlich aus der Familie genommen. Das hätte mir sicherlich zwei weitere Jahre Hölle erspart. So wuchs der Wunsch zu sterben immer weiter. Bis zu dem Tag, an dem ich mich entschlossen habe, nicht mehr vor dem Zug wegzuspringen, sondern stehen zu bleiben. Also ging ich wieder auf die Schienen und habe gewartet. Auf den nächsten Zug. Es dauerte eine Weile, bis einer kam. Ich konnte von weitem schon die Lichter sehen, wie sie auf mich zukamen. „Gleich ist es vorbei. Gleich hast du es geschafft. Gleich bis du erlöst“, versprachen mir meine Gedanken. „Du musst nie wieder nach Hause und weiterleiden“, stachelten sie mich an. „Bleib einfach nur stehen“. Ich war wie ferngesteuert. Sah nur noch die Lichter auf mich zukommen. Bis… Ja bis der Zug plötzlich eine Vollbremsung hinlegte, was mich so aus dem Konzept gebracht hat, dass ich mich umgedreht habe und nur noch gelaufen bin. Ich bin gelaufen, als wenn es kein Ende mehr gibt. Ich wollte einfach nur weg. Dass ich andere Menschen auch in Gefahr gebracht habe, war mir überhaupt nicht bewusst; auch nicht, was es für meine Angehörigen bedeutet hätte, wenn der Suizidversuch erfolgreich gewesen wäre. Das völlige Fehlen von Emotionen hat bei mir den Bezug zur Realität verhindert. Mir war alles egal. Nichts hat mich zu dem Zeitpunkt mehr interessiert. Nichts hat mehr Freude gemacht. Wozu sollte ich noch weiterleben? Es hatte zu dem Zeitpunkt alles keinen Sinn mehr. Ich habe gedacht, mir kann eh niemand mehr helfen. Mich mag doch sowieso keiner. Warum auch? Wie kann man mich nur mögen? Ich mochte mich ja selber noch nicht einmal. Ich wusste überhaupt nicht, wer ich bin. Hatte keinen Bezug zu mir selber; konnte mich weder wahrnehmen noch spüren. Geschweige denn, etwas Positives für mich empfinden. Außer Enttäuschung, Hass und Wut. Das war alles. Immerhin, würde ich heute sagen, denn es waren meine Gefühle. Immerhin gab es Gefühle- allerdings die falschen. Und in viel zu starker Ausprägung.

3. Kapitel (Weihnachten 2013)

Heute ist auch wieder so ein Tag… Weihnachten. Heiligabend. Ich bin ganz allein. Habe es mir so ausgesucht. Glücklich bin ich damit nicht. Aber es ist besser, als jetzt bei meiner Familie in meinem Geburtshaus zu sein. Trotzdem war ich die ganzen letzten Tage angespannt. Heute hat sich die Anspannung dann endlich gelöst. Ich habe geweint, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Nun geht es mir etwas besser. Die Anspannung ist nicht mehr so groß. Aber meine Seele ist noch immer in Aufruhr. Nichts kann mich wirklich runterholen. Kein Spaziergang, kein Fernsehen, kein essen… Ich habe Angst vor den nächsten zwei Weihnachtstagen. Angst davor, allein zu sein; Angst davor, den Schmerz nicht mehr auszuhalten. Angst davor, dass mich Geräusche verrückt machen. Wie gerne würde ich jetzt schon in die Klinik gehen. Aber ich muss warten. Das Warten zermürbt mich. Ich bin viel zu oft allein; allein mit meinen Gedanken, mit mir, mit meinem Schmerz und der Angst vor der Zukunft. Werde ich je wieder richtig arbeiten können? Werde ich eine Wohnung finden, in der es etwas ruhiger ist? Wo ich nicht bei jedem Geräusch in Angst und Schrecken versetzt werde? Ist das überhaupt möglich oder bedarf es noch mehr Therapie, um die Schrecken der Vergangenheit zu vertreiben? Ja, solche Gedanken gehen mir durch den Kopf… Dann ist da aber auch der Wille; der Wille und die Hoffnung, dass doch alles wieder gut wird. Ich habe Ziele und Pläne, die ich durchaus verwirklichen kann. Die möglich sind, wenn ich es denn schaffe, über meinen Schatten zu springen und meine Angst zu überwinden. Wie überwindet man seine Ängste? Ja, durch Konfrontation. Ich bemühe mich. Das klappt z.B. beim Fahren über die Autobahn. Durch viel Training und Übung schaffe ich es schon, ohne Angst auf die Autobahn raufzufahren. Kurze Strecken schaffe ich schon relativ gut. Bei längeren Strecken fahren Angst und Anspannung noch mit. Aber es lohnt sich. Wir haben viel in der Therapie an bzw. mit meiner Angst gearbeitet und ich verstehe immer mehr, dass diese Ängste irrational sind und mich die Angst nicht umbringt sondern mich „lediglich“ in Aufruhr versetzt. Aber sie hindert mich daran, ein erfülltes Leben zu führen. Ich schaffe es nicht immer, mich der Angst zu stellen und mich mit ihr zu konfrontieren. Das macht mich noch oft traurig und unzufrieden. Ich würde gern viel mehr machen, als ich mir zutraue. Was also tun? Einfach losziehen und machen, wovor ich Angst habe, was mich hindert? Das hört sich erstmal gut an. Ist aber nicht so einfach, wie es sich anhört; leider. Einfach machen bedeutet in meinem Fall nicht nur, mich mit meinen Ängsten auseinander zu setzen sondern auch mit meinen Selbstzweifeln, die immer wieder an die Hintertür klopfen und rufen: „Hurra, wir sind auch noch da, und du schaffst es sowieso nicht. Du bist eh nicht gut genug und du bist es auch nicht wert, ein erfülltes Leben zu führen!“. Diesen Selbstzweifeln einen Stoß zu verpassen und ihnen zu zeigen, dass ich es eben doch wert bin und alles schaffen kann, was ich will, das ist meine Aufgabe, die ich weiterhin anpacken will. Den Teufel also bei den Hörnern packen. Glücklicherweise habe ich eine Therapeutin, die es schon gut geschafft hat, mir mein Selbstwertgefühl zum Teil zurückzugeben. Mein Umfeld auch, indem sie mir geblieben sind und mich nicht verlassen haben- egal, wie schlecht es mir manchmal geht. Weil sie mich als Menschen mögen; meine Eigenschaften, die sie alle schätzen. Die man sich mit kein Geld der Welt kaufen kann. Die mich ausmachen. Dadurch habe ich langsam wieder ein Gefühl für mich selber entwickelt. Langsam baue ich ein gesundes Verhältnis zu mir auf; lerne, mich selber wieder zu akzeptieren und zu lieben. Mir selber eine gute Freundin, Bezugsperson und Mutter zu sein. Ich kümmere mich um die verletzten Kindanteile, von denen es eine Menge gibt. Lerne, mich um sie zu kümmern und ihre Bedürfnisse zu stillen. Die Bedürfnisse nach Liebe, Aufmerksamkeit und Geborgenheit. Oft hilft schon eine Wärmflasche oder ein leckeres Essen. Manchmal das Malen, Puzzeln oder Putzen. Meistens aber das Duschen und lange Spaziergänge an der Luft; im besten Fall noch gepaart mit dem Streicheln von Tieren oder einem netten Gespräch. Und natürlich die Akzeptanz, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht ändern kann; dass vieles vorbei ist und ich heute keine Angst mehr zu haben brauche vor Ereignissen, die früher geschehen sind. Heute bin ich froh, dass ich erwachsen bin und selber handeln kann; unabhängig und frei.

4. Kapitel (Ende Dezember 2013)

Heute habe ich z.B. entschieden, dass ich mich nicht mit meiner Schwester treffe. Mein Seele und mein Körper haben mir signalisiert, dass es heute zu anstrengend ist, in die Stadt zu fahren. Zu den Menschenmassen in engen Geschäften. Erst hatte ich zugesagt, später wieder abgesagt. Das hätte ich früher nie getan sondern wäre hingegangen, hätte meine Grenzen überschritten- den anderen Menschen zuliebe. Ich hatte viel zu viel Angst, dass mich die Person, der ich absage, nicht mehr mag. Sie mich nicht mehr gern hat und mich verlässt. Mich vielleicht sogar hasst. Ich war überangepasst; immer darauf bedacht, es allen recht zu machen und möglichst brav und gehorsam zu sein, um insbesondere meine Mutter nicht noch weiter zu belasten. Als Kind habe ich mich für sie verantwortlich gefühlt. Verantwortlich war ich auch für sie. Und für meine Geschwister. Wenn ich mal nicht funktioniert habe, gab es gleich ein Donnerwetter. War die Treppe z.B. nicht gewischt, hat meine Mutter es beim nach Hause kommen sofort bemerkt und schon war der Teufel los. Zumindest an den Tagen, an denen es ihr selber schlecht ging. Und das war oft. Sehr oft. Viel zu oft. Immer habe ich es gemerkt; schon früh hatte einen siebten Sinn für ihre Stimmungen entwickelt. Das war überlebensnotwendig. Nur so konnte ich früh genug eingreifen und aufpassen, dass sie nicht völlig ausrastet. Am nächsten Tag habe ich noch mehr geputzt. In der Hoffnung, dass es dieses Mal endlich gut genug ist und sie glücklich macht. Ich wollte, dass sie glücklich ist; ich habe mir als Kind nichts anderes gewünscht, als sie glücklich zu erleben- zumindest mal für einige Zeit. Das hätte mir schon gereicht… Immer habe ich ihre Traurigkeit gespürt- und spüre sie heute noch. Momentan habe ich den Kontakt zu ihr angebrochen, weil ich ihre Traurigkeit nicht mehr ertrage. Ich kann mich einfach nicht dagegen wehren und mich abgrenzen. Da muss ich für mich noch einen Weg finden, um damit umgehen zu können.

5. Kapitel (Januar 2014)

Momentan befinde ich mich in einer entscheidenden Phase, was den weiteren Umgang mit meiner Mutter betrifft. Schon lange habe ich akzeptiert, dass sie selber schwer krank ist und früher einfach nicht gemerkt hat, was sie mir und meinen Geschwistern angetan hat. Ich weiß auch, dass es ihr selber unendlich Leid tut und sie es nicht mit Absicht getan hat. Trotzdem muss ich heute mit den Folgen leben. Und das macht mich unheimlich wütend. Ich bin nicht immer unbedingt wütend auf sie sondern in erster Linie auf mich selber, weil ich es zur Zeit nicht so schaffe, mit meiner eigenen Erkrankung richtig umzugehen sondern mich selber immer wieder sabotiere und mir selber im Weg stehe. Ich bin wütend, weil ich nicht so vorankomme, wie ich es mir gerne wünsche. Deshalb habe ich mich zu einem zweiten Klinikaufenthalt entschlossen. Dort möchte ich noch besser lernen, mit meiner Wut umzugehen. Das Warten auf den Aufnahmetermin fällt mir unbeschreiblich schwer. Jeden Tag bin ich kurz davor, den Klinikaufenthalt abzusagen. Das wäre der einfachste Weg. Etwas anleiern und kurz vorher absagen kann ich gut. Darin bin ich Meisterin. Oder Dinge anfangen und diese nicht beenden: Wunderbar. Das kann ich auch sehr gut. Also heißt es jetzt: Durchhalten und abwarten. Die negativen Gefühle aushalten und den Zustand akzeptieren. Vielleicht auch zu akzeptieren, den Zustand anzunehmen und als gegeben anzusehen. Ich habe ja keinen Einfluss auf den Termin. Das mache ich mir jeden Tag klar. Mit zunehmendem Erfolg; die tägliche Enttäuschung, wenn kein Brief in meinem Briefkasten ist, wird langsam weniger. Stresst mich nicht mehr so sehr und lässt meine Stimmung nicht mehr so ins bodenlose kippen. Das passiert schnell, wenn ich unsicher bin und auf Dinge keinen Einfluss habe; Situationen nicht kontrollieren kann und anderen Menschen vertrauen muss. Damit kann ich noch nicht gut umgehen. Das macht mich hilflos und wütend. Auch die Traurigkeit darüber ist groß. Manchmal frage ich mich, ob es jemals besser wird. Ob ich jemals wieder das Leben leben kann, was ich mir wünsche und vorstelle. Diese Fragen geistern mir andauernd durch den Kopf und lassen mich oft verzweifeln.

6. Kapitel (März 2014)

Heute ist auch wieder so ein Tag… Woche 5 in der Klinik. Ich habe das Gefühl, nicht mehr zu können; völlig zu verzweifeln. Ich frage mich so oft, weshalb ich es nicht schaffe, einen vernünftigen Kontakt zu meinen Mitpatienten herzustellen. Ich habe hier so gut wie niemanden, dem ich vertraue. Mit Ausnahme von einem- Wir verbringen viel wertvolle Zeit miteinander. Trotzdem habe ich immer wieder Angst, zurückgewiesen zu werden. Ihn als guten Freund doch wieder zu verlieren. Das war bisher fast immer so. zu 90 % sind alle Menschen, die mir wirklich wichtig waren und mein Herz berührt haben, waren irgendwann einfach weg. Weg nicht in dem Sinne von Tod, sondern nicht mehr greifbar und erreichbar. Schon mein ganzes Leben lang habe ich mich allein und fallen gelassen gefühlt. Bis auf 2 Freunde sind, mit Ausnahme meiner Familie, keine Menschen dauerhaft bei mir geblieben. Das macht mich sehr sehr traurig. Dieser Schmerz verwandelt sich langsam in Wut in Form von Aggressionen. Diese machen sich hier bemerkbar. Wenn ich merke, dass ich nicht schnell genug vorankomme, werde ich wütend. Wenn ich merke, dass ich mich gegen die Anspannungen der anderen Mitpatienten nicht abgrenzen kann, werde ich wütend. Wenn ich das Gefühl von Stillstand habe, werde ich wütend. Eigentlich bin ich ständig wütend. Und traurig. Hinter meiner Trauer steckt oft Wut. Das habe ich schon herausgefunden. Dann möchte ich am liebsten gegen die Wand schlagen oder treten und mir die Knochen brechen. Oder mich mit essen vollstopfen und alles hinterher auskotzen. Das hilft auch. Das habe ich hier auch schon zweimal gemacht. Das tat gut! Nicht nur für den Moment sondern auch längerfristig. Das habe ich früher auch schon jahrelang getan. Dadurch konnte ich am schnellsten meine Anspannung abbauen. Seit ich hier bin stehe ich dauernd unter Hochanspannung. Zuhause nicht so oft. Zuhause nerven aber auch keine Mitpatienten. Zuhause habe ich meine Ruhe und würde mich gar nicht in diese stressigen Situationen begeben sondern vermeiden. Momentan bin ich die ganze Zeit am Kämpfen. Am Kämpfen, jeden Tag bei mir zu bleiben. Mich zu motivieren ist zurzeit auch ein Kampf. Immer wieder diese aufs und abs. Das ist so anstrengend! Diese permanenten Stimmungsschwankungen. Permanent muss ich das aushalten und ertragen. Das kostet so viel Kraft! Diese Kraft fehlt dann, um mich von den Stimmungen meiner Mitpatienten nicht runterziehen zu lassen. Da habe ich für mich noch nicht den richtigen Weg gefunden. Aber ich habe festgestellt, dass ich es zumindest besser aushalten kann, wenn ich nicht so angespannt und somit gelassener bin. Außerdem fällt es mir leichter, wenn ich mich besser um mich selber kümmere. Selbstfürsorge ist das Schlagwort, was immer öfter fällt- sogar in meinem Bewusstsein. Es kommt eher an. Langsam verstehe ich nicht nur, was damit gemeint ist sondern ich fange an, es fast schon unbewusst einzusetzen. Indem ich z.B. jeden Tag in die Sonne gehe, spazieren gehe, mich immer öfter vor den Mitpatienten behaupte und bewusst Grenzen setze. Indem ich in mich rein höre und mich selber frage, was ich mir Gutes tun kann, was hilft. Eben war ich eine knappe Stunde walken. Das hat z.B. super geholfen. Nun habe ich mir vieles von der Seele geschrieben. Auch das hat geholfen. Nun sieht die Welt schon wieder besser für mich aus. Eben habe ich nebenbei noch eine Tafel Schokolade gegessen. Eben noch wollte ich diese wieder auskotzen. Bis jetzt habe ich es aber nicht getan. Ich verspüre jetzt keinen großen Druck und keine große Anspannung mehr. Nun bin ich auch zuversichtlicher, dass ich die nächsten 5 Wochen hier auch noch überstehe. Morgen kommt meine Lieblingstherapeutin wieder. Darauf freue ich mich schon. Ich habe gelernt, mehr aus mir herauszukommen und dem Team hier zu vertrauen. Bis jetzt hat es sich absolut gelohnt! Die Erfolge werden sicherlich erst später deutlich und nachhaltig sichtbarer werden. Aber ich habe schon das Gefühl, dass mir die 5 Wochen hier jetzt schon unheimlich weitergeholfen haben. Das kann ich jetzt schon sagen. Diese Einstellung hilft mir heute auch sehr. Es erscheint nicht mehr alles hoffnungslos oder sinnlos. Heute weiß ich, dass ich erst zurückblicken muss, um voranzukommen. Das mache ich hier. Ich schaue oft zurück und öffne mich. Das ist schmerzhaft. Verdammt schmerzhaft. Aber es muss sein.

7. Kapitel (Ende März 2014)

Heute ist Samstag. Am Mittwoch habe ich für mich beschlossen, keine weiteren 6 Wochen mehr zu bleiben sondern in ca. 2 Wochen nach Hause zu gehen. Dieser Entschluss fühlt sich gut an! Langsam geht mir die Puste aus. Es ist unglaublich anstrengend, sich mit sich selber auseinanderzusetzen und hinter die eigene Fassade zu schauen. Diese Woche habe ich so viel geweint wie noch nie. Aber es sind heilsame Tränen. Ich schaue auf Situationen, die ich früher nur schwer ausgehalten habe. Ich blicke kurz drauf und verstehe, dass diese Gefühle alt sind. Dass dieser Schmerz und die Trauer aus meiner Vergangenheit kommen und mich noch heute oft lähmen und mein Leben beeinflussen. Durch das Hinschauen und die Auseinandersetzung mit den alten Gefühlen lässt die Traurigkeit langsam nach. Das Geschehene lässt sich dadurch zwar nicht ungeschehen machen aber es tut nicht mehr so weh. Das Hinschauen tut extrem weh aber die Erleichterung hinterher ist deutlich spürbar. Ich habe hier eine Person gefunden, der ich sehr vertraue und die mich trägt und mir durch die schwere Zeit hier hilft. Mir hilft, weiter zu mir selber zu finden, nicht aufzugeben, Vertrauen zu finden, Menschlichkeit zu spüren. Die mir zeigt, dass ich wichtig bin und es sich lohnt, zu mir selber zu stehen. Hier habe ich mein Vertrauen in die Menschheit weiter ausbauen können. Auch durch einen Mitpatienten, der mir sehr viel Dankbarkeit und Vertrauen entgegengebracht hat. Diese zwei Personen werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Wenn ich daran denke, mich bald verabschieden zu müssen, kommen mir schon jetzt die Tränen. Abschiede tun unbeschreiblich weh. Heute allerdings verstehe ich, dass sie dazu gehören und die Welt zum Glück nicht untergeht. Bisher bedeutete jeder Abschied das Ende für meine Gefühlswelt und für mich. Heute nehme ich mir Zeit zu trauern. Schaue hin und lasse die Trauer zu- mit dem Wissen, dass das Leben weitergeht. Ich mache mir immer mehr klar, was ich in meinem Leben schon erreicht habe und welchen Anteil bestimmte Personen daran haben. Dann entsteht aus der Trauer eine Dankbarkeit, die mir hilft, Situationen besser annehmen und akzeptieren zu können. Die mir hilft, nach vorn zu schauen und mich wieder auf mein eigenes Leben zu konzentrieren.

8. Kapitel (Anfang April 2014)

So langsam aber sicher geht mir die Puste aus. Ich hänge in den Seilen und wünsche mir nichts sehnlicher, als nach Hause zu fahren. An sich zu arbeiten kostet enorm viel Kraft! Immer wieder zu schauen, wo meine Lebenswunden sind, in welche alten Verhaltensmuster ich immer wieder rutsche, wie meine eigene Verhaltensweise auf andere Menschen wirkt. Bis Donnerstag habe ich immer nur geahnt, dass meine Verhaltensweisen vielen anderen Menschen übel aufstoßen. Aber ihnen deswegen in den Hintern kriechen? Sehe ich auch nicht ein. Hier auf Station habe ich mich bei 90% aller Mitpatienten unbeliebt gemacht. Egal, wie man sich verhält, ist es vom Gefühl her immer falsch. Ich möchte mich schützen, möchte die Mitpatienten nicht an mich heranlassen; sie nicht teilhaben lassen an meinem Leben. Ich möchte nicht verletzt werden. Diese Verhaltensweise hat mich aber einsam gemacht. Ich fühle mich hier von Tag zu Tag einsamer und verlassener. Bei meinen Therapeuten hingegen fühle ich mich bestens betreut und aufgehoben. Alles können sie zwar nicht auffangen, was ich mir insgeheim wünsche, sich aber nicht erfüllen lässt. Manchmal hasse ich es, erwachsen zu sein! Ganz selten wünsche ich mir, wieder klein zu sein. Jemanden zu haben, der sich um mich kümmert; für mich da ist. Habe ich mal eine Person gefunden, die mich auf Mutterebene berührt, ist die Zeit mit dieser Person auch schnell wieder vorbei. Mir fallen spontan einige Personen ein, die mich auf dieser Ebene berührt haben- die aber alle wieder weg oder für mich nicht mehr direkt greifbar sind. Das macht mich unheimlich traurig. Es fällt mir in manchen Momenten sehr schwer, mich darüber zu freuen, diese Personen gehabt zu haben, weil der Gedanke an unsere gemeinsame Zeit oft so unglaublich weh tut! Der Gedanke an die schönen Momente. Sobald ich daran denke, habe ich Tränen in den Augen. Das Gefühl von Verlust ist stärker als das Gefühl, etwas Wundervolles und Wunderbares erfahren zu haben. Da wünsche ich mir mehr Gelassenheit. Das würde mir sicherlich helfen. Zu wissen, dass ich selber die Verantwortung für mein Leben übernehmen muss, hilft mir dann auch nicht sondern macht mich richtig wütend! Manchmal wünsche ich mir weniger Verantwortung für mein Leben. Manchmal überfordert es mich. Das kleine verletzte Kind in mir schreit: „Ich will keine Verantwortung für mich übernehmen!“ Das kleine verletzte Kind schreit noch oft. Nun muss ich mich selber trösten; mir selber helfen; Verantwortung übernehmen. Der erwachsene Anteil in mir wünscht sich nichts sehnlicher als das. Vor meinem Klinikaufenthalt habe ich schon gut gelernt, besser und liebevoller mit mir selber umzugehen; freundlicher zu mir zu sein und mich nicht immer abzuwerten. Oft habe ich das gar nicht gemerkt. Es gar nicht wahrgenommen. Für mich war es scheinbar normal, mich kleinzumachen und mich selber abzuwerten. Wie es mir gelungen ist, diese Verhaltensweisen langsam ausschleichen zu lassen, weiß ich eigentlich bis heute nicht. Meine Therapien und Klinikaufenthalten haben auf jeden Fall dazu beigetragen, indem ich viel Selbstbeobachtungen durchgeführt habe- anfangs unter Anleitung, später alleine. Mittlerweile ist diese Selbstbeobachtung so geschärft, dass ich viel eher wahrnehme, wenn ich mich selber fertigmache. In den Therapien habe ich auch gelernt darauf zu gucken, wie ich mir selber helfen kann; was mir in verschiedenen Situationen helfen würde. Anfangs fand ich diese Ideen schwachsinnig. „Wie soll ich mir denn selber helfen können“, habe ich mich ständig gefragt. „Sie sollen mir doch helfen und mir den richtigen Weg aufzeigen“; habe ich immer gedacht- aber nie gesagt. Je mehr ich in der Therapie mitgearbeitet habe, desto mehr spüre ich die Erfolge. Wenn es mir heute nicht gut geht, sehe ich genau hin. Was genau läuft grade schief? Wie kann ich es ändern? Schaffe ich es allein oder brauche ich Hilfe? Das sind Fragen, die ich mir mittlerweile automatisch stelle. Dadurch kann ich Probleme viel schneller lösen und hänge nicht mehr so lange in den dunklen Löchern fest. Vielleicht ist es auch das Verständnis, tatsächlich frei entscheiden zu können. Rein theoretisch wusste ich es die ganze Zeit und habe auch immer mal wieder danach gehandelt. Mittlerweile ist es für mich aber selbstverständlicher, meine eigenen Entscheidungen zu treffen- auch, wenn meine Mitmenschen nicht immer meiner Meinung sind. Sind sie anderer Meinung bin ich noch immer schwer am Kämpfen, nicht in die Rechtfertigungsschiene abzurutschen sondern einfach nur zu meiner Entscheidung zu stehen. Auch, wenn diese in den Augen anderer falsch ist. Da habe ich auch heute noch Probleme mit, mich nicht von außen beeinflussen zu lassen. Oder ins Radikale abzurutschen und meine Mitmenschen überhaupt nicht mehr zu sehen und nur meine Meinung als einzig richtige dastehen zu lassen. Das ist in vielen Situationen für mich noch immer schwer, die Mitte zu finden. Ganz oder gar nicht; schwarz oder weiß; kein Thema. Das war immer mein Lebensmotto. Diese Einstellung führte bzw. führt auch heute noch oft zu Konflikten. Ich muss mir immer wieder klarmachen, dass es manchmal nötig ist, Kompromisse zu finden. Das ist auch heute immer wieder eine Gradwanderung. Mal gelingt es, mal auch nicht. Je nach Tagesform, würde ich sagen.

9. Kapitel (Mitte April 2014)

Meine Entlassung aus dem Krankenhaus ist nun eine Woche her. Die Umstellung war dieses Mal leichter. Bis jetzt habe ich noch keine großen Abstürze gehabt. Ich schaffe es ohne weiteres, mich zu versorgen- sprich einzukaufen, zu putzen, etc. Bis jetzt war ich auch jeden Tag draußen, habe mich mit Freunden getroffen, meine Termine wahrgenommen. Und doch merke ich, dass ich mir selber viel Druck mache und zu viel von mir erwarte. Am liebsten möchte ich von morgens bis abends beschäftigt sein. Hätte gern mehr zu tun. Vormittags klappt es auch sehr gut. Um 6.30 Uhr stehe ich auf, wasche mich, frühstücke. Anschließend gehe ich spazieren und erledige den Haushalt. Bleibt dann noch Zeit bis zum Mittagessen, löse ich Kreuzworträtsel. Mittags gibt es auch meistens zur gleichen Zeit essen; ebenso wie abends. Meine Tagesstruktur ist wichtig. Sie hilft mir auch dabei, besser zu schlafen. Bisher habe ich noch keine schlimmen Albträume gehabt und einige Nächte fast durchgeschlafen. Das ist ein großer Fortschritt. Und doch gibt es immer wieder Tage wie heute. Tage, an denen ich den ganzen Tag gegen Fressanfälle kämpfe muss- und dagegen, das Essen hinterher nicht wieder zu erbrechen. Über das Essen habe ich immer meine Anspannung reguliert. Schokolade tröstet mich noch immer und gibt mir zumindest für einen Moment ein Gefühl des Friedens und der Befreiung bzw. Entspannung. Das schlechte Gewissen ist hinterher aber schnell da. Eigentlich schon während des Essens. Ich weiß, Schokolade schadet mir mehr als dass sie hilft. Trotzdem esse ich sie- in Massen. Heute waren es schon 3 Tafeln. Vielleicht kommen noch mehr dazu. Der Wille ist heute schwach, die Unzufriedenheit groß. Mir fehlt eindeutig eine Beschäftigung; eine Aufgabe, die mich erfüllt. Ich möchte so gerne wieder arbeiten, traue mich aber nicht. Außerdem habe ich auch nach 1,5 Jahren der Arbeitsunfähigkeit noch immer das Gefühl, nicht wieder genügend Kraft zum Arbeiten zu haben. Kein Durchhaltevermögen zu haben; wieder einzuknicken. Das macht mich sehr traurig. Es ist zum Glück nicht mehr so, dass ich mich wertlos fühle, nur weil ich zurzeit nicht arbeiten kann. Meinen Wert als Mensch erkenne ich immer mehr. Auch das Verständnis für mich selber, weshalb ich zurzeit arbeitsunfähig bin, ist da. Beides tröstet mich und lässt mich nicht ganz verzweifeln. Trotzdem fällt es mir an manchen Tagen schwer, es auszuhalten, nicht arbeiten zu können. Mir fehlt eine Aufgabe im Leben. Manchmal denke ich, ich vegetiere so vor mich hin. Besonders an den Nachmittagen, die ich fast immer in meiner Wohnung verbringe. Raus mag ich dann nicht mehr und kann mich auch nicht motivieren. Dann kommen die Schokolade, der Computer, der Fernseher oder die Zeitung und vertreiben mir die Zeit. Mehr ist es eigentlich nicht. Ich warte auf den Tag, an dem ich wieder arbeiten kann und dadurch wieder mehr Antrieb und Motivation habe. Manchmal denke ich: „Da kannst du aber lange warten!“. Dann wiederum wird mir klar, was ich in den knapp 2 Jahren nach meinem Totalzusammenbruch wieder alles kann. Angefangen beim regelmäßigen Aufstehen bis zum Autobahn fahren, was vor einem halben Jahr überhaupt nicht möglich war- zumindest letzteres. Es war ein ständiger Kampf mit meiner Antriebslosigkeit, mit meinen Ängsten, meiner oft sehr hohen Anspannung und meinen selbstzerstörerischen Gedanken, den Grübelzwängen und der Hoffnungslosigkeit. In der Klinik haben wir eine Liste erstellt mit meinen Fähigkeiten und Strategien zur Lebensbewältigung. Mir klarzumachen, welche Fähigkeiten in mir stecken, hat mir sehr geholfen. In erster Linie gehören dazu Lebenswille, Lebensmut und Lebenskraft. Diese Eigenschaften tragen mich und helfen mir hinsichtlich der Gestaltung meines Lebens. Meine Devise lautet „Niemals aufgeben!“. Daran halte ich mich. Egal, was passiert, das Leben geht immer weiter. Es stellt uns oft vor neue Herausforderungen, die es zu managen gilt, aber es geht weiter. Manchmal habe ich die Kraft, alles anzunehmen und zu akzeptieren, was in meiner Vergangenheit schlimmes passiert ist. An manchen Tage aber auch nicht. Dann kommen die Erinnerungen und die alten Gefühle wieder hoch. In der Klinik habe ich gelernt, alte von neuen Gefühlen zu unterscheiden und mich danach ganz bewusst in die Gegenwart zu holen. Ich mache mir klar, welches Datum heute ist, welches Jahr wir haben und dass ich heute nicht mehr in der alten Situation stecke, die so schlimm für mich war. Dass ich heute erwachsen bin und selber handeln kann; ich immer wieder die Möglichkeit habe, mich neu zu entscheiden.

10. Kapitel (Mitte Juni 2014)

Nun sind seit meiner Rückkehr aus der Klinik zwei Monate vergangen. In der Zeit bin ich umgezogen und versuche, in meiner neuen Wohnung anzukommen. Ein Umzug bedeutet allerdings nicht nur viel Neues sondern auch Unsicherheit und das Ankommen in neuer Umgebung. Darunter leide ich grade sehr. Ich habe das Gefühl, seit der Wohnungsübergabe vor zwei Wochen ziemlich in mir versunken zu sein. Ich habe mich zurückgezogen in meine sichere Höhle. Andere Menschen (Familie und Freunde) nerven mich. Der Kontakt fällt schwer. Am liebsten möchte ich im Moment einfach nur meine Ruhe haben. Außerdem fühle ich mich müde und erschöpft. Lust, rauszugehen, habe ich derzeit nicht. Am liebsten würde ich mich den ganzen Tag ins Bett legen und lesen oder schlafen. Tu ich aber nicht. Meinen Tagesablauf behalte ich strikt bei, was mir hilft. Es hilft auch etwas gegen die Überforderung, die ich zurzeit spüre. Eine Überforderung mit meinen Ansprüchen und meiner freien Zeit. Für vieles fehlt mir leider auch das Geld, was mein Leben auch nicht unbedingt leichter macht… und diese momentane Erschöpfung und Müdigkeit… Zurzeit habe ich nur noch Kraft für das Nötigste. Sprich früh aufstehen, waschen und Haushalt. Immerhin klappt das alles. Wenn ich nach draußen gehe, fühle ich mich reizüberflutet. Das raubt mir auch ein wenig die Kraft. Vielleicht sind jetzt mal ein paar Tage Ruhe angesagt, nachdem ich in letzter Zeit o beschäftigt war. Ich habe zwar immer wieder Ruhephasen eingebaut, die aber wohl noch nicht ausgereicht haben. Mein Körper schreit nach Entspannung und ich werde ihm diese geben. Also heißt es heute: Telefon ausschalten, Hose anziehen und zumindest mal kurz raus. Was auch hilft ist, mich mit meinen Zeitschriften oder Kreuzworträtselheften auf die Treppe zu setzen- in die Sonne, die glücklicherweise grade scheint.

11. Kapitel (Ende Juni  2014)

Zwischendurch gelingt vieles wieder: Dazu gehört das Fahren auf der Autobahn; vor nicht allzu langer Zeit hatte ich schwere Panikattacken beim Fahren auf der Autobahn. Das war so schlimm, dass ich Angst hatte, die Kontrolle über mich und mein Auto zu verlieren. Das ist unbeschreiblich schlimm. Diese Angst saß lange und tief fest. Erst durch Gespräche mit meiner Therapeutin und ganz viel Mut habe ich es nach über einem Jahr langsam wieder geschafft, mich ans Autobahn fahren heranzutrauen. Erst war es nur eine Abfahrt. Irgendwann zwei. Bald folgten schon drei Abfahrten. Da habe ich dann lieber meinen Vater als seelische Unterstützung mitgenommen. Und es hat geklappt. Ich war danach so beflügelt, dass ich immer weiter geübt habe. Jedes Mal wurden die Strecken länger. Während meiner Zeit in der Klinik war ich dann soweit, dass ich mich getraut habe, in andere Städte zu fahren. Zum Beispiel nach Kiel oder Eckernförde. Beide Male mit mir vertrauten Menschen an meiner Seite. Bis ich es geschafft habe, nach der Klinik die ganze Strecke über die Autobahn nach Hause zu fahren- inklusive Elbtunnel! Seit dem Moment schreckt mich das Autobahn fahren nicht mehr. Heute ist es für mich zum Glück wieder normal geworden und beschert mir das wunderbare Gefühl von Freiheit!!! Das genieße ich heute wieder sehr! Es gibt mir neue Kraft und neuen Lebensmut; beides trägt mich.

12. Kapitel (Juli 2014)

Auch an Tagen wie heute, wo die Anspannung den ganzen Tag über extrem hoch ist und sich kaum regulieren lässt. Das Atmen fällt mir heute schwer und ich fühle mich sehr unwohl in meinem Körper. Die Atmung ist den ganzen Tag über oberflächig und ich bin die ganze Zeit damit beschäftigt, immer wieder tief in den Bauch zu atmen und mich zu entspannen bzw. locker zu lassen, damit ich mich nicht so beengt fühle. Heute war auch der Wunsch, mir etwas zu brechen oder mich in einer anderen Art selber zu verletzen. Ich tue es nicht aber es fällt mir verdammt schwer, standhaft zu bleiben! Dafür habe ich mehr gegessen als sonst. Aber ich kann es zumindest aushalten. Am liebsten würde ich laut schreien oder meine Anspannung anders rauslassen. Ich habe versucht, rauszugehen, nachdem ich vier Stunden im Bett gelegen und Kreuzworträtsel gemacht habe. Das Rausgehen hat geklappt. Ich bin in einen Supermarkt gegangen, der etwas weiter weg ist und habe mir Nutella gekauft. Ich brauchte unbedingt etwas Süßes! Allerdings war ich so angespannt, dass ich bei jeder Kleinigkeit das Gefühl hatte, zu explodieren. Heute hätte auch niemand etwas Falsches zu mir sagen dürfen… Mir hat schon die Frau gereicht, die mir im Supermarkt im Weg stand. Ich habe sie extra angerempelt. Mich hat es tierisch aufgeregt, dass sie mir keinen Platz gemacht hat. Das habe ich sie dann spüren lassen. Was mich so anspannt ist meine Ungeduld. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich wieder zu arbeiten. Also bewerbe ich mich auf Promotion Jobs und fange an, Werbung für meine Ernährungsberatung zu machen. Und was passiert: Nichts! Niemand meldet sich. Das frustet mich. Hinzu kommt meine Angst, dass ich wieder umkippen könnte- ist zwar nie passiert aber trotzdem. Mein Körper führt in diesen Hochanspannungssituationen ein Eigenleben und lässt sich fast nicht mehr kontrollieren. Das ist wirklich zum verrückt werden. Diese innere Zerrissenheit ist manchmal schwer zu ertragen. Momentan heißt es für mich: Die Situation annehmen, akzeptieren, aushalten und abwarten. Puh, ganzschön viel verlangt! Da wundert es mich nicht, dass ich zurzeit einen Hänger habe. Außerdem fühle ich mich etwas einsam. Bei weitem nicht mehr so schlimm aber unterschwellig spüre ich es. Dann versuche ich, mir selber zu helfen, in dem ich z.B. meine Tagesstruktur weiter aufrecht erhalte, regelmäßig esse, meinen Essensgelüsten möglichst selten nachzugehe und mir nicht den Finger in den Hals stecke. Bisher klappt das erstaunlich gut! Seit der Rückkehr aus der Klinik habe ich mein Essverhalten zumindest fast immer unter Kontrolle. Das ist natürlich ein großer Fortschritt. Auch, wenn der Drang, mich vollzustopfen und es hinterher wieder zu erbrechen, leider immer noch vorhanden ist. Da heißt es dann weiterhin, stark zu sein und für mich zu kämpfen. Interessanterweise zweifle ich fast überhaupt nicht mehr daran, es zu schaffen. Nur noch an ganz schlechten Tagen, die, trotz aller Durchhänger, immer mal wieder auftauchen. Aber auch in diesen Momenten spüre ich eine gewisse Liebe zu mir selber und eine Fürsorge, die ich noch nicht so lange habe. Das fühlt sich wunderbar und richtig an. Ich bin immer wieder glücklich, wie schön es sich anfühlt, nicht mehr nach einer Person zu suchen, die sich um mich kümmert, sondern mich um mich selber zu kümmern. Ich spüre immer mehr, dass ich mich auf mich verlassen kann.

13. Kapitel (Ende Juli 2014)

Das spiegelt sich auch in meiner neuen Wohnung wieder: Sie ist sehr gemütlich, behaglich und warm eingerichtet. Hier fühle ich mich wohl und kann endlich wieder Kraft tanken, um weiterhin für mich zu kämpfen und für mich da zu sein.

Diese Kraft brauche ich auch. Höchstwahrscheinlich mehr, als mir lieb ist. Gestern habe ich es trotz Aufregung und Anspannung geschafft, ein paar Stunden auf einem Event zu arbeiten! Das erste Mal seit 1,5 Jahren. Ich war sehr zufrieden mit mir. Aber, anstatt mich darüber zu freuen und auf Wolke 7 zu schweben, war ich traurig und gereizt, weil mir nach 3 Stunden langsam wieder schwindelig wurde und ich die letzte halbe Stunde wieder mit Ängsten, Anspannung und Schwindel zu kämpfen hatte. Das Gefühl der Enttäuschung war größer als das Gefühl der Freude. Muss ich nun mit einem weiteren Handicap leben? Mit einer dauerhaften geringen Belastbarkeit? Und wie soll es dann weitergehen? Fragen über Fragen, die mir seit gestern durch den Kopf gehen und mich nicht loslassen; die mich beschäftigen und dazu beitragen, dass ich auch heute wieder einen Hänger habe… Ich bin ziemlich gereizt und angespannt. Auch der Drang, mich zu verletzen, ist größer. Ich merke immer wieder, dass ich zu viel will. Ich möchte arbeiten und wieder mein eigenes Geld verdienen. Darüber vergesse ich, dass ich schon längst wieder arbeite. Die ganzen Vorbereitungen für meine Selbständigkeit nehmen viel Zeit in Anspruch. Das sehe ich oft nicht. Ich habe oft noch das Gefühl, immer mehr tun zu müssen; auch das Gefühl, dass einiges, was ich an Vorbereitungen treffe, vielleicht nicht gut genug ist, kommt immer mal wieder durch… Mein Perfektionismus spielt mir wieder einen Streich. Einfach mal loslassen und nichts tun fällt mir noch zu schwer und kostet fast noch mehr Kraft, als zu viel zu tun. Irgendwie paradox aber bei mir wohl normal… Deshalb habe ich mich den halben Tag dazu gezwungen, den Computer aus zu lassen. Ich habe fast Entzugserscheinungen bekommen und musste mich krampfhaft die ganze Zeit über beschäftigen und ablenken, um nicht durchzudrehen. Erst jetzt, wo der Computer läuft und ich wieder eine vertraute Beschäftigung habe, die mir Sicherheit gibt, fühle ich mich wieder entspannter. Seit einigen Tagen taucht hier immer eine Katze auf. Auch eben, als ich geschrieben habe. Sie ist total süß und hat miaut. Ich glaube, sie wollte in meiner Nähe sein. Über die Katze freue ich mich immer, wenn sie da ist. Ich habe schon überlegt, ob ich mir nicht selber eine Katze kaufe, die tagsüber draußen, nachts aber bei mir ist. Der Kontakt zu Tieren tut mir unheimlich gut und lässt meine Anspannung automatisch sinken. Außerdem durchflutet mich ein Glücksgefühl, wenn ich mit Tieren zusammen bin. Das mit der Katze werde ich mir auf jeden Fall mal genauer überlegen. Das könnte dauerhaft helfen. Zumal ich ja nicht mehr viele Freunde habe und mich schwer damit tue, neue Kontakte einzugehen bzw. diese überhaupt zuzulassen.

14. Kapitel (Ende Juli 2014)

Aber auch das Schreiben hilft mir zurzeit sehr, Druck abzubauen und mich mitzuteilen. Mir fehlen eindeutig Menschen, denen ich mich mitteilen kann. Zumindest Menschen, die größtenteils unbelastet sind. Meine Leute haben selber viele Probleme, sodass ich mich nicht aufdrängen mag… Aber auch ich suche nicht viel Kontakt aus Angst, mich mit runterziehen zu lassen. Das passiert leider immer mal wieder und ich fühle mich im Moment nicht in der Lage, es auszuhalten, mir die Probleme anderer Menschen anzuhören bzw. deren Druck, Anspannung oder Trauer, die nicht unbedingt ausgesprochen wird, zu ertragen. Deshalb habe ich mich ziemlich zurückgezogen und mache fast alles allein. Immerhin. Gestern Nachmittag war ich auch wieder kurz vorm Durchdrehen. Meine Anspannung war zu hoch. Ich war kurz vorm Explodieren. Irgendwie habe ich es trotzdem geschafft, meinen Tagesrhythmus aufrecht zu halten. Auch, wenn ich mich absolut zusammenreißen und zwingen musste. Nachmittags habe ich es sogar geschafft, 1,5 Stunden rauszugehen. Erst ins Viertel. Dort habe ich mir zur Belohnung eine heiße Schokolade gegönnt- auch, wenn ich es mir vom Geld nicht leisten kann. Danach bin ich an die Weser und habe mich dort in die Sonne gelegt, den Pulli ausgezogen und eine ganze Zeit lang nur versucht, mich auf die Sonnenstrahlen auf meiner Haut zu konzentrieren. Achtsamkeit tut in solchen Momenten gut, um mich wieder besser zu spüren. Grade, wenn es um Wärme geht; sei es die Sonne, eine Wärmflasche oder das warme Bett. In letzterem würde ich mich am liebsten den ganzen Tag verkriechen und einfach nur die Wärme genießen und mich spüren. Geht natürlich nicht den ganzen Tag- das würde ja meinen Rhythmus durcheinander bringen, was wiederum kontraproduktiv wäre. Also begrenze ich die Zeit im Bett auf den Abend und die Nacht- auch, wenn es momentan schwer fällt. Manchmal schaffe ich es, die Situation, wie sie zurzeit ist, anzunehmen. Dann fällt es leichter, diese Phase besser auszuhalten. Manchmal kämpft mein Unterbewusstsein aber gegen diesen Zustand an und mein innerer Kritiker treibt mich gnadenlos an- und macht mich dadurch noch müder und weniger leistungsfähig. Darunter leide ich dann sehr und das Annehmen der Situation fällt viel schwerer. Dann rutsche ich weiter ab. Ziehe mich zurück, möchte nicht mehr rausgehen und weiß in dem Moment auch nicht mehr, wozu ich eigentlich noch aufstehen soll. Was das Leben noch für einen Sinn hat in so einem Zustand. Das Dahinvegetieren geht weiter, ohne Sinn und Zweck. Aufbauend ist das nicht- und angenehm schon mal gleich gar nicht. Es ist ein beschissener Zustand. Ein grottiger, schwer aushaltbarer. Ein Zustand der Sinnlosigkeit, Freudlosigkeit, Leere, Trauer und Verzweiflung. In solchen Momente fällt es schwer, daran zu glauben, dass es auch wieder besser wird. Ich weiß ja, dass es so ist. Trotzdem hilft mir das Wissen nicht unbedingt- höchstens dahingehend, dass ich nicht noch weiter abrutsche und selber verständnisvoll und fürsorglich mit mir umgehe, um mir diese schwere Zeit leichter zu machen- so gut es eben geht.

15. Kapitel (Anfang August 2015)

Auch meine Therapeutin hilft mir sehr. Ich kann es in letzter Zeit öfter zulassen, bei ihr zu weinen. Das hilft nicht nur für den Moment sondern auch für die Zeit danach gut. Ich habe dann immer das Gefühl, für mich selber Mitgefühl zu empfinden und eine Art von Liebe zu mir zu spüren. In dem Moment ist kein Druck mehr spürbar. Keine Anspannung, kein Stress, nichts Negatives. Diese Momente bringen viel Erleichterung. Das war in der Klinik auch so. Insbesondere bei meiner Co- Therapeutin vom letzten Klinikaufenthalt. Fest steht zurzeit auf jeden Fall, dass ich es noch nicht allein schaffe, diese Liebe bzw. dieses Mitgefühl in mir selber auszulösen. Dazu braucht es auch weiterhin therapeutische Unterstützung. Selbst mit dieser Unterstützung kann ich dieses wunderschöne Gefühl leider noch nicht lange halten. Vielleicht gelingt es ja, mit Hilfe meiner Therapeutin das Gefühl zumindest selber auslösen. Dann könnte ich es mir immer wieder holen. Manchmal frage ich mich, ob das dann der Moment ist, an dem ich aufhöre, mich ständig unter Druck zu setzen… Und ohne Druck sicherlich ein entspannteres Leben zu leben? Diese Frage lässt sich so leicht wohl nicht beantworten.

16. Kapitel (Mitte August 2014)

Nun habe ich eine Woche nicht mehr geschrieben. Eine Woche, in der sehr viel Positives passiert ist und ich gut vorangekommen bin. Ich habe, für meine Verhältnisse, ziemlich viel gearbeitet. Nicht von der Stundenanzahl her sondern von der Menge. Unter anderem hatte ich auch meine erste Kundin in der Ernährungsberatung! Und ich habe es gut gemacht! Ich konnte mich hinterher loben und mich von ganzem Herzen freuen! Es hielt auch ca. 2 Stunden an. Natürlich hat mein Kritiker mir wieder „Verbesserungsvorschläge“ gemacht, was ich in den nächsten Beratungen noch verändern kann. Hinterher fällt einem ja immer was ein. Aber egal, denn ich habe mich nicht fertig gemacht sondern mich über meine Leistung gefreut. Ein riesen Fortschritt! Interessanterweise war ich auch gar nicht so wahnsinnig aufgeregt. Neben den Jobs standen diese Woche auch viele Termine an, die ich auch alle wahrgenommen habe. Seit gestern bin ich nun erkältet und ziemlich schlapp. Deshalb habe ich mich entschlossen, meinen kleinen Job von heute abzusagen und mich auszuruhen. Mein Körper sagt mir, dass er Ruhe braucht und zwingt mich auch ein wenig dazu. Ich habe zwar versucht, mir immer wieder längere Ruhepausen in den Tagesverlauf einzubauen aber es war doch immer eine gewisse Grundanspannung vorhanden. Morgen gehe ich das erste Mal Zeitungen austragen. Sind zwar nicht viele aber ich möchte trotzdem halbwegs fit sein. Vorbereitet ist auch schon alles. Ein kleines schlechtes Gewissen wegen des abgesagten Jobs heute habe ich schon. Mein Perfektionismus und mein Anspruch an die eigene Zuverlässigkeit stehen mir da noch etwas im Wege. Aber es ist besser als noch vor ca. einem Jahr. Unterschwellig ist noch immer die Angst, Ärger zu bekommen oder ausgeschimpft zu werden, vorhanden. Diese Angst wird wohl nie ganz weg gehen aber ich scheine sie ja immer besser in den Griff zu bekommen.

17. Kapitel (Mitte August 2014)

Juhu! Ich habe heute die Zeitungen ausgetragen und dabei nicht nur nette soziale Kontakte gehabt sondern richtig Spaß empfunden! Und ganz viel Stolz! Keine Panikattacken, kein großer Stress, herrlich! Es fühlt sich so unbeschreiblich richtig an, früh morgens etwas zu tun, danach zu duschen und mir beim Bäcker ein frisches Brötchen zu holen. Ich fühle mich richtig gut und kann es kaum erwarten, nächsten Sonntag wieder die Zeitungen auszutragen. Ansonsten habe ich mir für die kommende Woche etwas weniger vorgenommen, da es diese Woche doch noch ein Tick zuviel war. So lerne ich, mir meine Kräfte und meine Zeit besser einzuteilen und mich nicht ständig zu überfordern, mir gleichzeitig aber auch nicht zu wenig zuzumuten. Manchmal traue ich mir noch nichts so viel zu. Ich könnte öfter sicherlich mehr, als ich mich traue. Dann muss ich mich zusammenreißen und lernen, mir und meinem Körper noch mehr zu vertrauen. Das Vertrauen in meinen Körper ist durch die Panikattacken vor zwei Jahren fast komplett verloren gegangen. Der Weg zurück ist steinig und schwer. An Tagen, an denen ich nicht gut drauf bin, fühle ich mich auch körperlich schwach. Dann ist das Vertrauen in mich nur sehr gering. Diesen Zustand dann zu akzeptieren, fällt schwer! Ich wäre lieber die ganze Zeit fit und stark. Dass das nicht möglich ist, macht mir meine Therapeutin dann immer wieder deutlich klar. Sie ist in dem Punkt wohl die vernünftigere von uns beiden… Irgendwann kommt es sicherlich bei mir an, dass es okay ist, auch mal schwach zu sein. Zum Glück gibt es immer mehr Tage, die so sind wie heute.

18. Kapitel (Ende August 2014)

Manchmal sind Tage wie Sonntag zwar nicht vergessen aber die positive Wirkung lässt deutlich nach- leider! Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich noch machen soll. Heute bin ich wieder so müde und schlecht drauf. Hab ich wieder zuviel gemacht? Erwarte ich vielleicht einfach noch zuviel? Fakt ist, dass mir momentan jemand fehlt, der an meiner Seite steht und mich etwas unterstützt; mir Mut macht und mich motiviert. Mich immer nur allein motivieren finde ich ziemlich anstrengend. Leider weiß ich nicht genau, wer diese Person sein kann. Klar, meine Therapeutin natürlich. Aber unsere letzten Stunden sind leider angebrochen… Von daher muss ich mich mit den Stunden zufrieden geben, die wir noch haben. Immerhin kann ich anschließend noch alle 4 Wochen zu ihr kommen. Das ist eine große Hilfe. Aber eine Person im Alltag wäre nicht schlecht… Grade jetzt, wo ich solche Probleme mit einem Freund habe, durch den zurzeit immer wieder unschöne Erinnerungen in mir ausgelöst werden… Sonst war er immer derjenige, mit dem ich am besten reden konnte. Freitag bin ich bei einer alten Freundin eingeladen, mit der der Kontakt glücklicherweise nie ganz abgerissen ist. Vielleicht hilft das ja. In dem Moment, an dem ich mich am einsamsten gefühlt habe, kam eine Nachricht von ihr, dass sie mich zu ihrer Einweihungsparty einlädt. Als wenn es ein Zeichen gewesen wäre. Eigentlich habe ich ein ziemliches Gottvertrauen und glaube ganz fest daran, dass alles seinen Sinn hat und sich aber auch alles wieder regeln lässt. Nun frage ich mich aber, wo dieses Gottvertrauen geblieben ist? Irgendwie ist es weg. Nur in den Momenten, in denen ich ganz fest spüre, dass alles so sein soll, wie es ist, spüre ich es zumindest kurz. Dieses Vertrauen hat mich immer getragen- besonders in schweren Zeiten. Es lässt sich zwar nicht erzwingen aber ich werde versuchen, mich wieder daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, auch mal loszulassen und Verantwortung abzugeben; mich auch mal fallenzulassen. Das fällt noch so schwer. Aber dann hätte ich meinen Begleiter und nicht mehr das Gefühl, mit meinen Problemen alleine zu sein… Grade in den Momenten, in denen ich für die Menschen, die mir wichtig sind, nichts mehr empfinden kann. Weder positive noch negative Emotionen. Einfach nichts. Zum Glück hilft mir das Schreiben sehr! Nun fühle ich mich auf jeden Fall ein Stück leichter!

19. Kapitel (Ende August 2014)

Zum Glück hält dieses Stück Leichtigkeit ein wenig an oder kommt zumindest immer mal wieder durch. Was vielleicht dabei hilft, ist die Aufgabe, die mir meine Therapeutin gegeben hat: Ich soll mich hinsetzten und jeden Tag aufschreiben, was mich geärgert bzw. welche negativen Gefühle mich auch emotional aufgewühlt haben. Das soll dabei helfen, dass nicht ich nicht immer so unter Anspannung gerate und mich mit meinen Gefühlen beschäftige. Heute z.B. bin ich traurig darüber, dass mein Traum (Versöhnung mit meiner Mutter) nur ein Traum war. Außerdem bin ich traurig darüber, dass eine weitere Person den Kampf gegen die Depression verloren hat. Beides beschäftigt mich. Um jetzt aber nicht im negativen Strudel zu versinken, schaue ich zurück auf das, was in den letzten Tagen schön war und mich aufgebaut bzw. mir Kraft gegeben hat. Da wären zum einen die sozialen Kontakte. Die Einweihungsparty meiner einen alten Freundin und die Treffen mit meiner Schwester. Vorgestern in Verbindung mit einer alten Klassenkameradin und alten Schulfreundin von mir, die jetzt mit meiner Schwester befreundet ist. Total lustig und sehr erfreulich. Wir hatten einen sehr schönen Abend! Und ich habe mich getraut, mich richtig hübsch anzuziehen und damit die Blicke der Männer auf mich zu ziehen. An dem Abend konnte ich es sogar richtig genießen! Ansonsten ist das Thema Männer immer noch schwer; deshalb verdränge ich es oft noch… Mal sehen, wie ich in Zukunft damit umgehen kann. Aber ich denke, dass der Abend vorgestern ein wichtiger Schritt war und ich damit schon richtig umgehe. Verstecken ist jedenfalls der falsche Weg. Was noch sehr positiv ist, ist die Tatsache, dass ich keine großen Probleme mit der Regelmäßigkeit beim Zeitungen austragen habe. Es gefällt mir nach wie vor gut und freue mich, dass ich durchhalte. Da habe ich ein gutes Gefühl bei. Außerdem habe ich jetzt etwas mehr Aufträge in der Promotion. Auch dort habe ich bisher immer durchgehalten und meine Aufgaben gut erfüllt. Selbst dort bin ich bis jetzt zufrieden mit mir. Alles andere (Haushalt, Einkaufen, etc.) läuft auch weiterhin gut. Jetzt, wo Sommer ist, versuche ich jede Minuten draußen in der Sonne zu sitzen und die Wärme zu genießen. Unterschwellig ist aber immer noch sehr viel Trauer vorhanden, die meine Stimmung oft noch von einer Sekunde auf die nächste kippen lässt. Leider ist da auch manchmal noch immer der Gedanke, dass es einfacher wäre, die Welt zu verlassen- definitiv ohne konkrete Pläne aber der Gedanke ist nach wie vor nicht weg. Das macht mir manchmal Angst und ich frage mich, was ich noch für mich tun kann, damit diese Gedanken verschwinden… Es ist nicht besonders angenehm, solche Gedanken zu haben… Außerdem kostet es zusätzlich Kraft, die ich für andere Sachen gebrauchen könnte… In manchen Sekunden habe ich tatsächlich Angst davor, etwas zu tun, was nicht gut ist- damit meine ich nicht unbedingt, mich gleich umzubringen sondern eher, mich stärker zu verletzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen- und natürlich auch, um Druck abzulassen. Ich hoffe mal, dass nichts in der Richtung passiert und ich weiterhin gut mit diesen Gedanken umgehen kann!

20. Kapitel (Anfang September 2014)

In den letzten Tagen habe ich bewusst versucht, Unternehmungen zu machen, die mir gut tun. Da wären z.B. die Treffen mit meinen Geschwistern, das Helfen bei meiner Schwester im Haushalt, der liebevolle Umgang mit mir (nach Möglichkeit) und das Führen meines „Tagebuch der schönen Momente“. Letzteres ist ein Buch aus meinem Lieblingsgeschäft, das unheimlich schön aussieht und ich schon länger haben wollte. Da ich nun mehr arbeite, kann ich es mir auch leisten. Allein das ist schon ein weiteres positives Merkmal im Umgang mit meiner Krankheit. Ich erlebe mich (bis jetzt) als zuverlässig und schaffe auch alles, was ich mir vorgenommen habe. Außerdem halte ich auch meine organisatorischen Termine ein (Jobcenter, Termine bei Therapeutin und Psychiater, etc.). Das hilft mir sehr, mich als zuverlässig zu erleben. Und trotzdem hänge ich noch immer durch und komme nicht so richtig auf die Beine. Nun hat mich auch wieder ein Hörsturz erwischt, der das Ganze nicht leichter macht… Ständig dieser Druck und ein Rauschen auf dem Ohr machen mich sehr reizbar und anfällig für alles, was von außen kommt. Das ist grade schwer auszuhalten. Die Situation, wie sie jetzt ist, einfach annehmen und aushalten fällt etwas schwer… Aber ich weiß, dass es notwendig ist. Sinnvoll sowieso. Nur tue ich mich da etwas schwer mit. Donnerstag in der der Therapiestunde haben wir uns wieder mit meinem inneren Kind beschäftigt, das weint und nach Aufmerksamkeit schreit. Nun habe ich wieder etwas mehr Bezug zu ihm- und gleichzeitig zu mir selber. Deshalb bin ich auch nicht mehr ganz so hart zu mir und versuche eher, mich zu unterstützen und mir nicht mehr so viel Druck zu machen, sondern die Gesundung und das Arbeitsleben etwas ruhiger anzugehen. Für diese und nächste Woche habe ich wieder Aufträge. Große Aufträge. Das überfordert mich im Moment emotional und ich überlege, einen der Aufträge wieder abzusagen. Andererseits habe ich gestern gemerkt, dass es mir, wenn ich einmal mit dem Auftrag angefangen habe, währenddessen und auch hinterher deutlich besser geht! Gestern war ich z.B. Zeitungen austragen und habe ein neues Gebiet hinzu bekommen. Da war ich doch ganzschön aufgeregt und angespannt, sodass ich in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein paar Tropfen Beruhigungsmittel nehmen musste, um schlafen zu können. Dann kündigte sich Sonntagmorgen der Hörsturz an. Trotzdem bin ich um 4.50 Uhr aufgestanden und zur Arbeit gegangen. Das kostete enorm viel Überwindung, Mut und Motivation! Trotzdem habe ich es geschafft und es ging mir schon währenddessen deutlich besser! Ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht heute noch nicht mit dem Auftrag anfange, sondern morgen. Dann habe ich heute noch einen Tag für mich und kann mich noch etwas ausruhen. Außerdem ist das Wetter schön und lädt dazu ein, mir einen entspannten Moment an der Weser zu gönnen. Zudem möchte ich mir jetzt endlich das Jahresticket für Bus und Bahn besorgen! Das möchte ich schon seit Monaten, bin bisher aber nicht zu gekommen. Dann habe ich für heute viel motivierendes und schöne Momente.

21. Kapitel (September 2014)

Mein Busticket habe ich nun und bin somit noch etwas freier in meiner Bewegung. Ich habe es schon fleißig benutzt und muss sagen, dass es mir tatsächlich gut tut. Ansonsten hat sich letzte Woche bei meinem Psychiater herausgestellt, dass eine Verhaltenstherapie bei mir nicht mehr ausreicht und ich im Anschluss gleich mit einer tiefenpsychologischen Therapie beginnen sollte. Ich habe im Wartezimmer schon gemerkt, dass meine Stimmung mit jeder Minute sinkt, in der ich dort sitze. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir selber wieder ein Stück näher gekommen bin. Ich bin mir nicht ganz sicher, was dazu geführt hat… Könnte mir aber vorstellen, dass ich mich bei ihm so sicher fühle, dass ich weiß, ich kann mich wieder fangen- mit seiner Hilfe. Während meines letzten Klinikaufenthaltes habe ich dieses Gefühl auch schon öfter gehabt. Ist wohl eine Vertrauensfrage… Ich kam in sein Behandlungszimmer und er strahlte mich an, fing an zu reden und ich fing an zu weinen… Das passiert bei mir nur sehr selten, dass ich meine Gefühle so frei rauslasse. Ich konnte einfach nicht mehr an mich halten. Ich war selber etwas schockiert- auch darüber, dass ich so klar benennen konnte, was mich so sehr quält. Normalerweise spüre ich es natürlich und leide darunter. Aber dass es so aus mir rausplatzt passiert mir nur bei ihm oder in der Klinik. Er hat mir als zusätzliche Unterstützung Ergotherapie verschrieben. Darum habe ich mich auch bereits gekümmert und einen Termin vereinbart. Was die weitere Therapie angeht… Nun ja, das schiebe ich noch ein wenig vor mir her. Dass es eh nicht so schnell gehen wird, einen Platz zu finden, weiß ich ja, aber unterschwellig habe ich ziemlich viel Angst davor, mich mit dem zu beschäftigen, was da so kommt… Da gehe ich lieber arbeiten, mache meinen Haushalt, bummele durch das Viertel oder sonstiges. Ist ja auch viel ungefährlicher und strukturiert mein Leben, was ja sehr gut ist. Jede Beschäftigung gibt mir Halt und Sicherheit. Das spüre ich zum Glück sehr deutlich.

22. Kapitel  (September 2014)

Und doch habe ich mir heute wieder den Finger in den Hals gesteckt, was mich noch etwas nachdenklich stimmt… Ich kann es mir verzeihen und mache mir keine Vorwürfe mehr sondern versuche, es anzunehmen und zu akzeptieren; das klappt heute sogar recht gut. Bei mir passieren diese Situationen häufig, bevor ich meine Tage bekomme. Da spüre ich meine Weiblichkeit und die Hormone gehen mit mir durch (mein Exfreund hat mich früher immer „Hormönchen“ genannt; ein hilfloser Versuch im Umgang mit meinen Stimmungen- das denke ich mir zumindest heute). Damit scheine ich noch immer nicht umgehen zu können. Andererseits wollte ich aber auch nicht, dass die ganzen Kekse und Chips, die so ungesund sind, in meinem Körper bleiben. Ich kann heute nur sehr gesunde Lebensmittel akzeptieren. Okay, das geht mir schon lange so, wenn ich ehrlich bin. Als Ernährungsberaterin weiß ich natürlich, welche Lebensmittel gesund und welche ungesund sind. Das ist Fluch und Segen zugleich. Aber zu solch drastischen Maßnahmen habe ich schon lange nicht mehr gegriffen! Einerseits ist es ja sehr gut, dass ich mich gesund ernähre und gesunde Lebensmittel akzeptieren und genießen kann; bei ungesunden Lebensmitteln spielt mein Kopf nicht mit. Ich habe echt total Angst davor, wieder dick zu werden. Dick, Unattraktiv und das Ziel von Hänseleien und blöden Bemerken, wie damals in der Schule. Ich dachte immer, dass ich es längst vergessen hätte, aber es ist noch da. Genauso wie das Ekelgefühl vor meiner Weiblichkeit kurz vor der Regel. Das werden wohl alles Inhalte der tiefenpsychologischen Therapie werden… Kein Wunder, dass ich davor Angst habe.

23. Kapitel (September 2014)

Dass ich diese Therapieform dringend nötig habe merke ich an Tagen wie heute. Ich fühle mich so erschöpft und kraftlos, dass ich unmöglich heute arbeiten gehen kann- obwohl ich es mir fest vorgenommen habe. Aber nur bei dem Gedanken daran, fängt mein Bauch vor Angst an zu kribbeln. Es ist die Angst davor, das Haus heute zu verlassen. Immerhin habe ich es heute geschafft, einmal zum Bäcker und einmal in den Supermarkt zu gehen, um einzukaufen. Und ich habe mir nur wenig Schokolade gekauft, damit sowas wie gestern nicht noch einmal passiert. Ich habe ja gelernt, vorzubeugen. Auch Nutella habe ich nicht mehr im Haus. Als ich im Netto stand, bin ich natürlich sofort auf das Schokoladenregal zugesteuert- obwohl ich vorher festgelegt habe, was ich an Schokolade essen darf, damit es akzeptieren kann und sie nicht wieder ausspucke. Es war verdammt schwer, nein zu mehr Schokolade zu sagen und somit konsequent mir selber gegenüber zu bleiben. Mein Wille, wieder normal zu leben, ist also nach wie vor vorhanden! Auch die Kontrolle über mein Essverhalten ist vorhanden- wobei das ja nicht unbedingt positiv ist… Momentan benutze ich die Schokolade wieder extrem als Trost. Trotz der Esserei habe ich das Gefühl, langsam wieder an Gewicht zu verlieren. Und was ich daran noch viel alarmierender finde, ist mein Gefühl dabei. Ich freue mich nämlich darüber. Ich sehe, wie mein Gesicht langsam einfällt, wie meine Hüftknochen langsam wieder zu sehen sind; merke, dass die T- Shirts weiter werden… Und freue mich darüber! Ich weiß genau, dass es anderen Menschen auch auffällt und ich dadurch endlich meine Aufmerksamkeit bekomme. Ich schenke mir dadurch aber auch selber Aufmerksamkeit. Ich nehme sehr deutlich wahr, wie sich mein Körper verändert und wie stark der selbstzerstörerische Impuls noch immer in mir wütet. Ich spüre, dass dieser Impuls in schlechten Phasen noch stärker ist als der gesunde Anteil in mir. In guten Phasen ist es zum Glück umgekehrt. Ich merke auch, dass ich mich extrem zurückgezogen habe. Ich rufe niemanden mehr an (außer es ist wegen der Arbeit), mag die Wohnung nicht mehr verlassen und fühle mich durch das gute Wetter extrem unter Druck gesetzt. Das ist eigentlich schwachsinnig, da ich es liebe, wenn es warm und sonnig ist. Mittlerweile aber setzt es mich so sehr unter Druck! Die ganze Zeit denke ich: „Du musst doch rausgehen und das schöne Wetter genießen; Jetzt ist doch Sommer…“. Solche Gedanken habe ich; einzig die Kraft, es auch umzusetzen, fehlt zunehmend. Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett liegen und lesen oder fernsehen. Zumindest vorübergehend. Wenn es mal ein oder zwei Tage regnen würde, wäre mir auch schon geholfen. Glücklicherweise gestehe ich es mir den ersten Tag zu, diesen Tag einfach nur drinnen zu verbringen und alle Fünfe grade sein zu lassen. Heute ist der erste Tag, an dem ich es zumindest halbwegs akzeptieren und mir zugestehen kann. Das nimmt natürlich viel Druck weg! Heute denke ich auch das erste Mal ernsthaft, dass mein Körper es wohl tatsächlich mal braucht. So versuche ich heute, achtsam zu sein und Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen. Das tut sogar richtig gut! Achtsamkeit ist etwas, was ich in den letzten zwei Jahren wirklich zu schätzen gelernt habe. Durch meine über alles geliebte Co- Therapeutin aus dem letzten Klinikaufenthalt habe ich diese Fähigkeit noch vertiefen und erweitern dürfen. Dadurch komme ich mir selber näher und spüre zumindest, dass zurzeit einiges im Argen liegt. Jetzt weiß ich auch, warum ich mir gestern den Finger in den Hals gesteckt habe: Ich fühle mich mit meinen Emotionen und Problemen, mit allem, was grade von innen auftaucht und von außen noch dazukommt, überfordert. Alleingelassen nicht unbedingt aber spüre, dass mir zurzeit eine Person an meiner Seite fehlt, die mich unterstützt und auch ein persönliches Interesse an mir als Mensch hat. Gestern Abend habe ich eine Nachricht von dem Freund bekommen, mit dem es zurzeit schwierig ist. Es war nur eine kurze Nachricht und ging um eine gemeinsame Freundin von uns, die eine Zeitlang meine Hauptansprechperson- bzw. Bezugsperson war und dann mit ihrem Freund weit weg gezogen ist. Der Kontakt ist dann auch recht schnell eingeschlafen. Ich konnte es aber auch nicht aushalten, weiter Kontakt zu ihr zu haben, wo sie so weit weg ist. Und umgehen konnte ich damit auch überhaupt nicht, dass sie weg war. Es gibt nur eine Handvoll Personen, die ich in meinem Leben getroffen habe, die mich wirklich berührt haben und die ich von ganzem Herzen geliebt habe (zwar nur rein platonisch aber das war schlimm genug, als die Personen alle weg waren). Seitdem sie nicht mehr da war, habe ich nur noch ein einziges Mal eine weitere Person getroffen, die mein Herz berührt hat. Um jetzt aber auf die Nachricht zurückzukommen; sie lautete sinngemäß, dass diese Person noch oft an mich denkt! Das hat mich so sehr berührt, dass ich jetzt die ganze Zeit das Gefühl habe, weinen zu müssen. Sie war auch nicht nur Bezugsperson sondern auch eine sehr gute Freundin. Wir haben uns gegenseitig alles anvertraut und ich habe mich richtig wertvoll gefühlt und war stolz darauf, so eine tolle Freundin wie sie zu haben. Das hat mir so viel bedeutet! Und dann war sie weg… Und ich hatte das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Außerdem habe ich gedacht, dass sie ja jetzt glücklich ist und ich somit keine Rolle mehr in ihrem Leben spiele- wie immer. Als ich gestern die Nachricht bekommen habe, habe ich mich erst richtig doll gefreut! Dann meinte aber eine Stimme in mir: „Wieso sollte sie an dich denken? Du bist doch sowieso nicht wichtig. So eine tolle Person braucht dich nicht und kann dich gar nicht länger mögen. Warum auch.“. Und trotzdem freue ich mich noch immer darüber, dass sie an mich denkt und mein Gefühl sagt mir auch, dass es wahr ist.

24. Kapitel (September 2014)

In den letzten Tagen habe ich mir überlegt, wie ich mir selber noch besser helfen kann. Ich habe ja immer noch Schwierigkeiten, in Schwung zu kommen. Feste Termine helfen mir, aus dem Haus zu kommen. Bis jetzt halte ich auch alle Termine ein, was mir sehr dabei hilft, mich weiterhin als sehr zuverlässig wahrzunehmen. Ich merke aber auch, dass ich einen gewissen Druck benötige. Das bezieht sich jetzt allerdings auf das Arbeiten. Jeden Sonntag weiß ich, dass ich um 4.40 Uhr aufstehen und die Zeitungen austragen muss. Bei den Testkäufen habe ich einen gewissen Spielraum. Da wird es dann schon schwieriger. Bei den Preiserhebungen habe ich ein festes Abgabedatum. Bis dahin muss ich den Auftrag fertiggestellt haben. Bis jetzt klappte es auch soweit gut; ich merke aber, je mehr Zeit ich für einen Auftrag habe, desto schwieriger wird es, ihn auszuführen. Ich schiebe dann alles vor mir her, höre sehr extrem in meinen Körper rein, nehme jede Kleinigkeit wahr und stelle dann fest: „Ach, heute geht es dir nicht so gut. Ruh dich mal einen Tag aus und mache nur die kleinen Aufträge oder deinen Haushalt. Morgen machst du deinen großen Auftrag weiter.“. Soviel dazu. Manchmal habe ich Angst davor, einen Auftrag mal nicht zu schaffen und mich dann wieder als unzuverlässig zu erleben- und das nur, weil ich es ein einziges Mal nicht ganz geschafft habe. Die anderen 20 Male, die ich geschafft und ordnungsgemäß durchgeführt habe, zählen dann nicht mehr. Das ist natürlich sehr schade. Deshalb führe ich jetzt mein „Tagebuch der schönen Momente“. Wenn ich mal wieder am Zweifeln bin, lese ich es durch und sehe dann, was ich schon alles geschafft habe und wie viele schöne Momente ich den Tag über habe. So lerne ich das Differenzieren und es ist nicht gleich alles wieder schlecht, wenn mal eine Sache nicht so klappt oder läuft, wie ich es erwarte. Heute habe ich ein schönes Beispiel erlebt, was mir zeigt, dass ich mich deutlich weiterentwickelt habe: Gestern Abend habe ich meinen Wecker auf dem Handy gestellt. Nun war der Akku des Handys aber sehr schwach, sodass es heute Nacht ausgegangen ist. Dadurch hat mein Wecker natürlich nicht geklingelt und ich bin erst um kurz vor acht aufgestanden. Normalerweise wäre mein Tag jetzt schon gelaufen. Ich hätte total schlechte Laune gehabt und hätte es nicht akzeptieren können, dass mein Tagesrhythmus so durcheinander gebracht worden wäre. Heute aber bin ich aufgestanden, habe es wahrgenommen, dass es kurz vor acht ist, habe mir gedacht, dass mein Körper es vielleicht sogar mal gebraucht hat, und habe ganz normal meinen Tagesablauf weitergemacht, wie sonst auch immer. Diese positive Wahrnehmung habe ich gleich in mein „Tagebuch der schönen Momente“ geschrieben. Davon abgesehen merke ich aber schon, dass ich zurzeit sehr viel Aufmerksamkeit und Zuwendung benötige. Als ich bei meinem Psychiater war und sofort geweint habe, als ich mich ihm gegenüber gesetzt habe, wurde es mir selber erst sehr deutlich, Daraufhin hat er mir als zusätzlich Unterstützung die Ergotherapie verordnet. Letzte Woche war ich bei dem Vorgespräch und habe gleich von Anfang an alle Fragen sehr offen beantwortet und nichts beschönigt, was ich sonst immer gern mache. Ich hatte aber auch sofort das Gefühl, offen und ehrlich sein zu dürfen, da ich mich in Gegenwart der Therapeutin sofort wohl gefühlt habe. Aber auch meine Seele war unendlich dankbar dafür, dass sich jetzt jemand mit mir beschäftigt- und zwar nur mit mir alleine. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ist unbeschreiblich groß! Es ist kaum zu stillen. Deshalb ist es mir auch relativ egal, was wir in der Ergotherapie machen. Hauptsache, es beschäftigt sich jemand mit mir. Dadurch habe ich immer einen Termin in der Woche, auf den ich mich freue! Dadurch, dass ich nun arbeite und meinen Haushalt und mich selber im Griff haben muss (und möchte!), fühle ich mich oft noch überfordert und die kleinen verletzen Kindanteile in mir fordern ihre Aufmerksamkeit stark ein. Ich selber kann ihnen diese Aufmerksamkeit aber nur sehr bedingt geben, weil ich meine ganze Stärke für meinen Alltag benötige. Deshalb muss sich zurzeit jemand anderes um diese Kindanteile kümmern, was durch die Ergotherapie durchaus möglich zu sein scheint. Wir werden dort auch nur das machen, was mir gefällt und gut tut. Ich habe auch immer das Gefühl, dass niemand aus meiner Familie und meinem Freundeskreis mir das Gefühl vermitteln kann, was ich brauche. Eigentlich ist es merkwürdig, da ich, wenn ich mit meiner Schwester oder meinen Freunden etwas unternehme, mich fast immer sehr wohl fühle und die Zeit genieße; nicht nur das: Wir habe richtig Spaß und ich kann mich zwischendurch durchaus fallen lassen, was mir sehr gut tut! Trotzdem ist es etwas anderes, als wenn ich mit Therapeuten zusammen arbeite. Das bezieht sich nicht nur auf menschliche Therapeuten, sondern auch auf tierische. Ich bin die ganze Zeit am überlegen, ob ich mir von dem Geld, was übrig bleibt, nicht alle zwei Wochen eine Reitstunde an der Longe gönne. Der Kontakt zu Pferden tut so gut! Ich habe mich auf den Reiterhöfen in der Umgebung schon schlau gemacht, wie teuer das Reiten ist. Etwas sparen muss ich noch aber dann könnte ich mir diesen kleinen Traum erfüllen. Außerdem beschäftigt sich die Reitlehrerin ja auch nur mit mir allein und ich kann gleichzeitig den Kontakt zum Pferd spüren. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, zum Tischtennis zu gehen. Das macht mir auch viel Spaß und ich hätte einen weiteren wichtigen Termin in der Woche. Nur irgendwie bekomme ich es noch nicht auf die Reihe… Immerhin weiß ich schon, wo und wann sie spielen. Und einen Tischtennisschläger habe ich mir auch gekauft. Startklar bin ich also. Jetzt fehlt noch der richtige Antrieb….

25. Kapitel (September 2014)

Vielleicht gehe ich heute Abend hin. Nachdem mein Kunde für die Ernährungsberatung abgesagt hat, habe ich heute Abend Zeit. Und wenn ich ganz ehrlich bin war ich gestern, nachdem er abgesagt hatte, unheimlich erleichtert! Ich war richtig froh! Daran merke ich, dass ich noch immer ziemlich labil bin- zumindest zur Zeit. Gestern ging es mir gut, heute wieder schlecht. So sieht es im Moment aus. Dann versuche ich mir klarzumachen, dass ich jetzt schon viel mehr schaffe und viel mehr möglich ist, als noch vor einem Jahr. Da hat mein Leben daraus bestanden, meine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten, mich vernünftig zu ernähren, die Wohnung sauber zu halten und meine Termine wahrzunehmen. Nun bin ich zum Glück schon mehrere Schritte weiter! Das Arbeiten habe ich zumindest halbwegs regelmäßig in meinen Alltag integriert und auch die sozialen Kontakte gesteigert. Außerdem bin ich viel mehr draußen unterwegs. Sei es jetzt ein Bummel durchs Viertel oder ein Spaziergang an der Weser. Und Ruhe habe ich trotzdem viel mehr als in der alten Wohnung. Dann frage ich mich aber immer wieder, warum ich noch immer diese Abstürze habe und manchmal am liebsten gar nicht mehr leben möchte… Ist das jetzt eine Überforderung mit dem Alltag? Das kann ich mir eigentlich nicht wirklich vorstellen. Fakt ist, dass es mir immer rapide schlechter geht, wenn z.B. Briefe vom Jobcenter kommen oder, wie jetzt, etwas mit meinem Auto ist. Es scheinen auf jeden Fall Ereignisse von außen zu sein, die das Fass immer wieder zum Überlaufen bringen. Woraus ich den Rückschluss ziehe, dass es in meiner Seele nach wie vor sehr stark brodelt. Immerhin habe ich jetzt im Therapiezentrum angerufen, um mit meiner Suche nach einem tiefenpsychologischen Therapeuten zu beginnen. Bisher haben sie noch nicht zurückgerufen. Vielleicht melde ich mich Ende der Woche noch einmal dort. Sonntag habe ich es zum Glück geschafft, meine Trauer zumindest mal kurzfristig zuzulassen und zu weinen. Das hat gut getan! Danach ging es mir deutlich besser. Ich versuche zumindest, alles umzusetzen, was ich in der Therapie gelernt habe und auch weiterhin lerne. Letzte Woche habe ich mich das erste Mal bewusst mit dem Kühlpack beruhigt, um wieder zu mir zu kommen. Das habe ich in der Klinik gelernt und es funktioniert auch hier. Manchmal traue ich mich noch nicht so richtig, alles anzuwenden. Manchmal fällt mir auch nichts ein, was jetzt helfen könnte. Manchmal bin ich überfordert. Okay, momentan bin ich wohl ziemlich überfordert mit der Intensität meiner Gefühle und weiß nicht, wohin mit ihnen. Deshalb ja auch die Idee mit dem Tischtennis. Das Schreiben hilft auch. Was auch hilft, ist ablenken. Mit Kreuzworträtseln oder fernsehen. Und natürlich die Therapie. Ganz klar. Donnerstag darf ich wieder hin. Darauf freue ich mich schon. Und auch auf die Ergotherapie. Das tut gut!

26. Kapitel (September 2014)

Zum Glück geht es seit einer Woche wieder aufwärts. Die Anspannung lässt nach, eine Form der Entspannung hält Einzug. Das bezieht sich nicht nur auf Termine, vor denen ich immer Angst habe (insbesondere die beim Jobcenter) sondern allmählich auch auf das Arbeiten. Meine Zeitungstour sonntags läuft nun schon seit 2 Monaten erfolgreich, ebenso die Promotion und weitere kleine Aufträge. Trotzdem werde ich eine berufliche Reha machen- vom Arbeitsamt aus. Was da genau auf mich zukommt, weiß ich nur bedingt aber ich lasse es einfach mal auf mich zukommen. Es macht nicht mehr so viel Angst. Sicherlich auch, weil ich fast allen Anforderungen, die von außen auf mich eingestürzt sind, gerecht geworden bin. Obwohl es mir zwischenzeitlich extrem schlecht ging in den letzten Wochen. Das zeigt mir, dass ich nicht so schwach bin, wie ich denke. Oft traue ich mir noch sehr wenig zu- insbesondere dann, wenn sich Anforderungen von außen häufen- und seien diese noch so klein… Irgendwann wird mir dann alles Zuviel, wenn ich es nicht schaffe, rechtzeitig alles abzuarbeiten, was ansteht und gefordert wird. Am Donnerstag in der Therapiestunde haben wir Möglichkeiten aufgeschrieben, was ich besser machen kann, wenn wieder alles auf mich einzustürzen droht: Das fängt an beim Öffnen aller Briefe sowie dem sofortigen Ausfüllen von Anträgen, führt über das Einhalten aller wichtigen Termine und endet beim „sich selber auf die Schultern klopfen“. Sowas nennt man dann wohl Anerkennung der eigenen Leistungen… Das Grundsätzliche ist aber, nicht weiter zu vermeiden oder zu verdrängen sondern mich den Anforderungen zu stellen und auf mein Können und meine Stärken zu vertrauen.

Was ich heute auch das erste Mal seit ewigen Monaten (vielleicht sogar Jahren) gespürt habe, ist meine Reiselust. Was dabei aber noch wichtiger ist, ist die Tatsache, dass ich mich wieder trauen würde, alleine ins Ausland zu fahren bzw. zu fliegen. Das ist eine enorme Steigerung, da durch meine Panikattacken an so etwas Schönes wie Reisen überhaupt nicht mehr zu denken war! Oft war der Gang vor die Tür schon zu beängstigend und manchmal kaum noch möglich! Und jetzt habe ich plötzlich wieder Lust dazu! Ein riesen Fortschritt! Letztes Jahr habe ich es immerhin geschafft, für 2 Tage allein nach Berlin zu fahren. Das konnte ich sogar genießen und die 2 Tage ohne größere Angstattacken überstehen. Für dieses Jahr war auch ein Kurztrip nach Berlin geplant aber ich musste diesen aus finanziellen Gründen absagen. Ich habe mir aber richtig viel neue Kleidung gekauft! Das war ein sehr befriedigendes und schönes Gefühl! Außerdem ist im Oktober endlich mal wieder ein langersehnter Friseurbesuch drin! Darauf freue ich mich jetzt schon.

27. Kapitel (Oktober 2014)

So, nun sind wieder einige Tage ins Land gezogen. Ich habe das Gefühl, es ist schon Wochen her, seit ich das letzte Mal hier geschrieben habe. In der Zwischenzeit hat sich so viel ereignet. Und ich muss tatsächlich sagen, nur positives. Da wäre zum Beispiel das Thema Selbständigkeit mit meiner Ernährungsberatung. Lange habe ich überlegt, wie ich mich und mein noch immer recht geringes Selbstvertrauen dazu bekomme, endlich mal richtig anzufangen. Für mich ist es immer ein großes Hindernis gewesen, zu den Kunden nach Hause zu fahren und sie dort zu beraten. Das hat mir Angst gemacht und mich davon abgehalten, richtig zu starten. Nun habe ich mich nach langem Nachdenken dazu entschieden, mir einen kleinen Büroraum zu suchen. Gesagt getan. Mittlerweile habe ich mir schon zwei Büros angesehen und bei einem sieht es auch recht vielversprechend aus. Natürlich glaube ich erst daran, wenn es wirklich soweit ist. Aber ich bin bereit für das, was alles noch so kommen mag. Und ich muss sagen: Es fühlt sich absolut richtig an! Mittlerweile habe ich auch das Gefühl, es packen und meine Kunden vernünftig beraten zu können. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders. Da bestimmte mein extrem hoher Anspruch, in meinem Beruf absolut perfekt sein zu müssen, mein Leben und hat mich klein gehalten. Manchmal hatte ich das Gefühl, nur noch am Boden zu kriechen, kaum noch Luft zu bekommen und nicht mehr richtig aufstehen zu können. Das war wirklich schlimm! Ich habe mir nicht mehr viel zugetraut und deshalb fast alles vermieden oder aufgeschoben. Aber irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem meine gesunde Seite wieder die Überhand übernommen hat. Das war der Moment, in dem ich festgestellt habe, dass ich in meiner letzten schlechten Phase alles auf die Reihe bekommen habe, was von mir verlangt wurde (viele Anträge stellen, Gespräche mit dem Jobcenter führen, etc.). Darüber hinaus habe ich es tatsächlich geschafft, weiter zu arbeiten. Damit hätte ich am wenigsten gerechnet. Ich habe immer gedacht, dass ich nicht mehr leistungsfähig bin, wenn es mir nicht gut geht. Das hat sich als falscher Gedanke rausgestellt. In meiner schlechten Phase brauche ich definitiv mehr Zeit für alle Aufgaben. Aber ich kann sie schaffen! Ich muss noch lernen, in diesen Phasen geduldiger, verständnisvoller und behutsamer mit mir umzugehen. Meinen Selbstzerstörungsdrang, der in diesen Phasen recht hoch ist, kann ich damit zumindest in Zaum halten und diese Momente durch meine Skills abfedern. Diese Phasen kommen und gehen. Aber ich hoffe, dass sie weniger und kürzer werden.

28. Kapitel (1.1.2015)

Heute ist Neujahr. Happy new year! Wir haben gestern schön gefeiert. Zurück bin ich doch tatsächlich noch mit Bus und Bahn gefahren! Ging richtig gut. Manchmal ist es mir ja zu viel Nähe… Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr waren schwer und geprägt von tiefdunklen Gedanken und akutem, lang anhaltenden Selbstverletzungsdruck. Zum Glück bin ich fast komplett heil geblieben. Immerhin. Seit heute beschäftigt mich wieder ein Gedanke, der oft von meinen Therapeuten gekommen ist. Es geht darum, dass alles in meiner Hand liegt (das Leben) und ich alles selber beeinflussen kann. Ist es wirklich so leicht, sich für das Leben zu entscheiden und entsprechend danach zu handeln? Ist es so einfach, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und im Hier und Jetzt zu leben? Ich finde: Nein! Ganz eindeutig. Es sagt sich sicherlich immer so leicht. Verstehen und nachvollziehen kann ich die Gedanken meiner Therapeuten definitiv. Aber danach handeln? Fehlt mir die Einsicht? Konkret geht es mir darum, dass ich mich die letzten Tage fast komplett aufgegeben habe. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie es in Zukunft weitergehen soll, ob ich mit diesen düsteren Gedanken und dem akuten Selbstverletzungsdruck überhaupt noch weiterleben kann und will. Und dann kommt mir heute der Gedanke: Die Vergangenheit loslassen und einfach nochmal neu anfangen. Beruflich bin ich den Schritt ja schon gegangen mit meiner Selbstständigkeit. Okay, es läuft leider überhaupt nicht, sodass ich mein Büro wieder kündigen musste. Der Schritt fiel mir schwer aber ich habe es getan. Dann ist da wieder der Zweifel an meiner Belastbarkeit. Denn, einerseits war ich sehr traurig, dass Büro wieder aufgeben zu müssen. Andererseits aber auch Erleichterung, nicht mehr dieser enormen finanziellen Belastung ausgesetzt zu sein. Aber leider auch die Erleichterung darüber, mich mehr oder weniger, wieder zurückziehen zu können und mich der Verantwortung nicht mehr aussetzen zu müssen. Mich wieder auf kleinere Jobs zu beschränken, weiterhin noch Unterstützung vom Jobcenter zu erhalten, mich nicht so sehr bemühen zu müssen… Eigentlich genau das, was ich so oft eben nicht mehr möchte! Ich möchte finanziell unabhängig sein und wieder mein Leben leben können, ohne mich vor dem Amt ständig rechtfertigen und erklären zu müssen; ohne ständig Druck von dort zu bekommen, denn das macht mich definitiv kaputt. Das habe ich die letzten Monate ganz arg gespürt. Das hat nicht nur enorm viel Kraft gekostet sondern auch Motivation. Der Kampf mit dem Jobcenter hat fast dazu geführt, dass ich mich komplett aufgebe. Und nun ist da eben wieder diese Frage, ob ich mir selber im Weg stehe… Warum ich nicht loslassen kann? Warum ich immer wieder in alte Muster zurückfalle- trotz Therapie. Ist der Selbstzerstörungsdrang etwa zu groß oder bin ich zu schwach, noch gegen anzukämpfen? Kämpfen zu wollen? Manchmal denke ich, meine Krankheit ist zu sehr fortgeschritten. Dann wiederum denke ich: Du hast doch schon so viel erreicht und so viel gekämpft. Dann schaffst du den Rest auch noch. Es hat sich ja nun schon so viel zum Positiven verändert. Ich habe mein ganzes Leben komplett umgekrempelt und so viel für mich getan. Das spüre und merke ich jeden Tag. Sonst hätte ich auch den Schritt in die Selbständigkeit nicht gewagt. Okay, es war ein Versuch, der noch nicht ganz so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt habe. Jetzt heißt es erstmal wieder schauen, wie es dort weitergeht.

29. Kapitel (Frühjahr 2015)

Manchmal denke ich, es hört nie auf. Die ewige Verzweiflung, die Traurigkeit, die selbstzerstörerische Seite in mir… Noch habe ich es geschafft, mich nicht zu verletzen. Schon seit Wochen habe ich es geschafft. Ob es heute nicht doch passiert: mal sehen. Ich stehe kurz davor und der Drang ist enorm. Dabei ist das Wetter super. Die Sonne scheint, es ist warm… Eigentlich alles perfekt. Aber im Moment ist überhaupt nichts perfekt. Manche Dinge sind gut- das ist aber auch schon alles. Heute habe ich im Fernsehen einen Mann gesehen, dem beide Hände amputiert werden mussten und der fast blind ist. Kurze Zeit ging es mir besser und ich habe gedacht: ist doch alles gar nicht so schlimm bei dir selber. Es könnte dich wesentlich schlimmer treffen. Kurze Zeit habe ich es tatsächlich geglaubt und mir ging es kurzfristig besser. Bis ich wieder erkennen musste, dass mein Denken nicht normal ist sondern durch die Krankheit gelenkt und gesteuert. Die Erkenntnis, schwer krank zu sein, hat mich für einen kurzen Moment hart getroffen und mir fast die Luft genommen. Scheinbar sehe ich meinen Zustand nicht als Krankheit. Deshalb verstehe ich oft nicht, dass es mir immer wieder so schlecht geht. So schlecht, dass mir schwindelig war und die Panikattacken kurz zurückkamen. Das hat mir gezeigt, dass ich jetzt wieder besonders gut auf mich achten muss. Ich habe also versucht, mich abzulenken. Das hat erst ganz zum Schluss geklappt. Zum Glück. Außerdem habe ich noch versucht, meinen besten Freund zu erreichen, um ihn zu fragen, ob er mir Gesellschaft leistet. Ich habe mich nach jemandem gesehnt, der mir Gesellschaft leistet. Irgendwie war ich in einer ganz merkwürdigen Stimmung, die mir Angst gemacht hat. Es war eine Mischung aus purer Verzweiflung, Traurigkeit und Frieden. Passt eigentlich überhaupt nicht zusammen aber es hat sich so angefühlt. Meinen besten Freund habe ich nicht erreicht. Ich glaube, dass ich es alleine schaffen sollte. Den Glauben an Gott habe ich nie aufgegeben. Manchmal, wenn nicht mehr viel geht, lasse ich mich einfach treiben und vertraue darauf, dass schon alles seinen Weg gehen wird. Das alles kommt wie es kommen soll.

30. Kapitel (Herbst 2015)

Die letzten Wochen waren richtig positiv und geprägt von sehr wichtigen Entscheidungen: insbesondere einer tragenden Entscheidung: der Abmeldung vom Jobcenter! Ja! Ich habe mich nach drei Jahren endlich getraut mich abzumelden. Darauf bin ich sehr stolz und es gibt mir ein extrem positives Gefühl! Endlich bin ich wieder frei- finanziell. Ich habe sehr unter der Abhängigkeit vom Jobcenter gelitten. Ich bin generell kein Mensch, der gern von irgendetwas abhängig ist. Für mich ist es das Schlimmste, was es gibt. Abhängigkeit und Handlungsunfähigkeit. Beides hat mich die letzten drei Jahre begleitet und mich sehr traurig und unzufrieden gemacht. Nun hoffe ich, dass mein weiterer Weg wieder leichter wird- ohne diese beiden schwerwiegenden Einschränkungen. Dass noch immer nicht alles in Ordnung ist, merke ich aber trotzdem. Diese Grübelschleifen sind nach wie vor vorhanden. Heute Morgen waren sie wieder schlimm. Auslöser war das Wochenende. Diese Ruhe, mit der ich nicht gut zurecht komme. Die ich oft nicht aushalten kann. Das Alleinsein. Die fehlenden sozialen Kontakte- obwohl diese oberflächig vorhanden sind. Sei es durch die Arbeit oder eben auch im Privaten. Trotzdem habe ich zunehmend das Gefühl, dass mir meine Freunde- zum großen Teil auch die Familie- nicht gut tun bzw. mir nicht genug sind. Immer muss ich Angst haben, dass wieder irgendetwas los ist. Immer die Angst vor schwerwiegenden Problemen auf Seiten meiner Familie und meiner Freunde. Immer die Angst, damit nicht mehr umgehen zu können. Nicht nur die Angst sondern auch die Gewissheit, mich nicht mehr genug abgrenzen zu können. Immer die Angst vor sich ständig wiederholenden Teufelskreisen ohne eine Möglichkeit, wieder herauszufinden. Mir fehlt eine Bezugsperson. Eine Person, die schon älter ist und in sich ruht. Eine Person, die mir dabei hilft, mir den Weg zu weisen und für mich da ist; mich in den Arm nimmt… Ich fühle mich abgrundtief einsam… Richtig einsam… Und ich weiß bis heute nicht, wie ich dieser Einsamkeit entfliehen kann, die wie ein Stachel immer wieder bohrt und nicht nachgibt- egal was ich mache… Ich brauche auch Menschen, mit denen ich mal wieder von ganzem Herzen lachen kann; mit denen ich unbeschwert zusammen sein kann, ohne dass ständig irgendetwas im Hintergrund mitschwingt… Ich wünsche mir Kontakte, im besten Fall Freundschaften, mit Menschen, die in der Lage sind, sich auch mal frei zu machen und loslassen können. Nicht immer wieder nur diese problembeladenen Menschen, die ich magisch anziehe… Furchtbar. Manchmal habe ich regelrecht Angst, dass ich an meiner Einsamkeit zugrunde gehe… Egal was ich mache… Ich kann noch nicht immer so gut für mich sorgen bzw. für mich da sein. In meinem Kopf stelle ich mir immer eine Person vor, die diese Rolle übernimmt. Eine Person, die mich in den Arm nimmt, tröstet und zeigt, dass es auch noch normale Menschen auf dieser Welt gibt. Normalerweise würde mich jetzt eine Selbstverletzung trösten. Aber das möchte ich nicht mehr. Es ist kein wirklicher Trost. Nur ein scheinbarer. Das habe ich immerhin schon gespürt. Die letzten Wochen habe ich mich nicht mehr verletzt. Von dem Moment an, an dem ich mich entschieden habe, mich vom Jobcenter abzumelden und wieder frei zu sein. Nicht mehr dieses Gefühl haben zu müssen, ein Mensch zweiter Klasse zu sein und bei den Anträgen alles offenzulegen. Diese Demütigung erspare ich mir jetzt. Auch, wenn ich sehr dankbar dafür bin, dass es das Jobcenter gibt und sie mir die letzten drei Jahre geholfen haben, zu überleben. Mittlerweile ist es aber an der Zeit, davon Abschied zu nehmen und wieder Selbstverantwortung für das Finanzielle zu übernehmen. Etwas, wovor ich lange Angst hatte. Wieder die komplette Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Ohne Wenn und Aber. Mit allen Konsequenzen. Und? Ja! Es fühlt sich richtig an! Nicht nur richtig sondern auch befreiend. Dieser Moment war lange geplant bzw. ich habe lange drauf hin gearbeitet. Habe Geld gespart, mir zumindest einen kleinen Kundenstamm aufgebaut und mich um Jobs in der Promotion, meinem zweiten Standbein, gekümmert. Momentan habe ich zwar grade wieder viel Angst vor Kundenterminen oder vor Promotion Jobs aber ich schreibe es meiner momentanen schlechten Phase zu und versuche, diese Angst bestmöglich anzunehmen und keine Termine abzusagen sondern zuverlässig zu bleiben. Das ist nicht einfach aber ich hoffe, dass ich es auch weiterhin schaffen werde!

31. Kapitel (Winter 2015)

Mittlerweile hat sich einiges getan: sowohl finanziell als auch privat. Was die Krankheit angeht habe ich eine wichtige Erkenntnis erlangt; durch ein Treffen mit einem ehemaligen Mitpatienten, der mittlerweile ein guter Freund geworden ist, habe ich seine Frau kennengelernt. Sie ist gelernte Krankenschwester und selber therapieerfahren, weshalb mir diese Info so sehr geholfen hat: sie hat gesagt, dass Borderline eine Folge aus einem (oder mehreren) unverarbeiteten Traumata ist (viele andere Krankheiten übrigens auch). Diese Erklärung hat mir unglaublich geholfen! Ich leide ja nicht nur unter der Borderline Störung sondern auch unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Bordeline Störung wird sicherlich durch eine Traumatherapie nicht vollständig verschwinden aber ich kann mir gut vorstellen, dass sie deutlich besser wird. Ist sie ja jetzt schon. Ich habe viel weniger Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken als noch vor einem dreiviertel Jahr. Das ist eine immense Verbesserung! Ich glaube, dass die Frau meines Freundes mich so erreichen konnte, weil ich jetzt bereit bin für eine Traumatherapie. Ich bin bereit, das auszuhalten, was da hochkommt. Ich habe mich dafür entschieden, die Therapie stationär zu machen. Dafür habe ich mich bereits in der Klinik angemeldet, in der ich auch die Borderline Therapie gemacht habe. Das gute ist ja, wenn ich mich erst einmal entschieden habe, eine Sache durchzuziehen, kann ich alles in ganz kurzer Zeit erledigen, was dafür nötig ist. Das betrifft auch z.B. das Finanzielle. Zwischendurch habe ich es geschafft, mich für zwei Monate vom Jobcenter abzumelden. Ich hatte Geld gespart und einige Jobs in Aussicht. Gescheitert ist es letztendlich doch an meiner fehlenden Kraft. Ob ich mich mit der Entscheidung, mich abzumelden, überfordert habe, kann ich nicht ganz ausschließen. Vielleicht war es auch die Angst vor der finanziellen Verantwortung. Letztendlich fühlte sich die Entscheidung, mich wieder anzumelden, richtig und erleichternd an. Wenn ich etwas in der Therapie gelernt habe, ist es, dass ich mich wieder auf mich verlassen kann! Ich kann mich darauf verlassen, die richtigen Entscheidungen zu treffen- in meinem Sinne.

32. Kapitel (Mitte Dezember 2015)

Ich bemühe mich auch weiterhin, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Momentan bin ich allerdings etwas ratlos. Ich merke, dass ich meine ganze Anspannung und meinen ganzen Druck über das Essen kompensiere- was mittlerweile zur Folge hat, dass ich zugenommen habe. Zwar nicht bedrohlich viel; vielleicht 3 Kilo aber ich fühle mich so dermaßen fett und unwohl in meinem Körper, dass es mir Angst macht. In den letzten Wochen habe ich mir zweimal den Finger in den Hals gesteckt, was mir- dummerweise- noch immer sehr gut hilft. Heute bin ich aber dazu übergegangen, weniger zu essen- zumindest an Schokolade. In den letzten Wochen waren es mehrere Tafel Schokolade am Tag; oder eben auch 1-2 Pakete Lebkuchen. Mittlerweile bin ich echt an einem Punkt angelangt, wo ich die Notbremse ziehen muss. Sonst drohen nicht nur weitere psychische sondern auch noch körperliche Probleme. Dummerweise ist das Essen mein einziger Trost und mein Highlight des Tages. Es ist das Einzige, worauf ich mich momentan freue… Ich sitze viel zu viel allein in meiner dunklen Wohnung rum und fühle mich einsam… Jetzt, so kurz vor Weihnachten, verstärkt sich das Ganze noch… Was mir in den letzten Monaten auch nicht gut bekommen ist, ist das Arbeiten. Jedes Mal, vor jedem Job, an fast jedem Tag, ging es mir ziemlich schlecht. Allerdings muss ich dazu sagen, dass es mir hinterher immer sehr gut ging und ich eine Art Euphorie gespürt habe, die durchaus auch mal angehalten hat. Das Thema Arbeit ist so ein zweischneidiges Schwert! Es hilft mir sehr in der Planung und Strukturierung des Alltags, überfordert mich aber gleichzeitig auch. Das einzige, was konstant und auch immer verfügbar und vorhanden ist, ist die Schokolade. Sie ist für mich wie die beste Freundin, wie eine Vertrauensperson… Sie ist immer da. Dabei bemühe ich mich so sehr, positiven „Ersatz“ zu finden. Ich gehe raus, treffe mich mit Freunden, habe mir ein Puzzle gekauft, unternehme viel- ich fahre immer gern in bestimmte Einkaufscenter- oder ich mache Ausflüge. Das sind alles Sachen, die mir helfen und oft Freude bereiten. Nur irgendwie hält nichts an… Ich habe das Gefühl, noch keine langfristige Lösung gefunden zu habe, die mir dauerhaft hilft, stabiler und konstanter zu werden, was die Stimmung angeht. Ich bin momentan so gestresst und unzufrieden, dass ich bei jeder Kleinigkeit an die Decke gehen und ständig nur ausrasten könnte! Momentan überfordert mich mein Leben einfach… Der Haushalt ist mir zu viel- ebenso das Einkaufen. Das Essen kochen; überhaupt mich vernünftig zu ernähren. Ständig muss ich mich zwingen, meinen Pflichten nachzugehen, um nicht zu verwahrlosen… Es ist grade alles so anstrengend. Jeder Tag ist ein Kampf und eine Qual… Außerdem habe ich seit einigen Tagen auch noch ständig unschöne Träume, in denen viel Gewalt stattfindet. Das belastet mich sehr! Einerseits will ich den ganzen Tag am liebsten im Bett liegen und schlafen, andererseits will ich gar nicht mehr schlafen aus Angst, die Kontrolle über mich und meine Träume zu verlieren. Also mache ich einfach weiter- schlafe wenn überhaupt dann eher zu viel als zu wenig… Raus gehe ich auch jeden Tag; allerdings mittlerweile lieber im Dunkeln als im Hellen… Das ist auch keine gute Entwicklung… Eher ein ziemlicher Rückfall in alte destruktive Verhaltensweisen. Und das nicht zu knapp…

33. Kapitel (Januar 2016)

Mittlerweile lebe ich nach dem Motto: Jeder Tag ist ein neuer Tag. Das hilft mir dabei, einen nicht guten Tag abzuschließen und am nächsten Morgen noch einmal wieder von vorn zu beginnen. Was gar nicht einfach ist, denn das Aufstehen fällt besonders im Winter schwer… Nicht nur das Aufstehen sondern auch die Gedanken, die morgens fast immer destruktiv und negativ sind. Vielleicht sind es noch Nachwirkungen aus dem vorherigen Tag? Manchmal denke ich das. Dann muss ich sehr hart mit mir ins Gericht gehen und mich innerlich fast anschreien, um diese Gedanken endlich los zu werden. Dabei möchte ich mir nur klar machen, dass diese negativen Gedanken mich auch nicht weiterbringen sondern eher das Gegenteil erreichen. Aber es wirkt dann doch! Zumindest zu 90 %- was ziemlich viel ist. Dann geht es mir besser und ich freue mich, dass ich aufgestanden bin. Dadurch beginnt der Tag dann doch positiv. Ein entspanntes und leckeres Frühstück mit meinem Lieblingskaffee hilft mir jeden Morgen dabei. In den letzten Tagen bin ich nach dem Frühstück oft mehrere Stunden vor dem Fernseher liegengeblieben und nicht wirklich hochgekommen. Erstaunlicherweise konnte ich es aber eine ganze Zeit lang zulassen, liegenzubleiben und nicht in die Depression abzurutschen. Ja, ich konnte es sogar zweitweise richtig genießen! Eine für mich doch relativ neue Erfahrung. Sonst habe ich immer den inneren Drang verspürt, spätestens nach einer Stunde aufstehen und aktiv sein zu müssen! Ziemlich viel Druck würde ich jetzt spontan sagen… Aktiv bin ich ja trotzdem. Ich mache den Haushalt, gehe einkaufen, halte mich an meine Termine oder gehe meiner Arbeit nach. Nur etwas entspannter als sonst. Ich würde den Druck gern öfter rausnehmen können, um mir ein entspannteres Leben zu ermöglichen… Vielleicht ist ja genau das der richtige Weg- annehmen und zulassen. Wenn mein Körper noch Ruhe braucht- okay. Dann bekommt er diese, solange es möglich ist. Generell habe ich etwas mehr Verständnis für meinen Körper entwickelt. Er ist oft müde- ist ja auch kein Wunder, wenn ständig Krieg im Kopf herrscht. Wenn ich mich selber fertig mache, was immer noch in großer Regelmäßigkeit passiert. Insbesondere dann, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf fällt, wenn ich unzufrieden bin, wenn meine Hormone verrücktspielen, etc. Gründe gibt es genug. Ich habe es eine Zeitlang mal mit viel Ablenkung probiert. Das hat bis zu einem bestimmten Grad auch geklappt, endete aber durchaus auch in Überforderung, weil es Stress war, mir gleich die nächste Beschäftigung zu suchen. Ist auch ein Teufelskreis. Ich war dann gestresst, weil ich nichts mehr gefunden habe, was mich aktiviert. Ablenkung hat eben auch zwei Seiten- und eine davon ist das Davonlaufen von seinen Problemen. Die andere Seite hilft aber effektiv, um den eigenen Gedankenstrudeln zu entkommen. Hier macht es dann wohl wieder mal die richtige Mischung bzw. das richtige Maß. Ist ganz schön schwer, die Mitte zu finden! Vielleicht sollte ich noch ein bisschen besser bei mir sein und auf meinen Körper und den erwachsenen, vernünftige, heilen Teil in meinem Körper und der Seele hören. Die wissen schon oft, was gut und richtig ist. Das dann aber auch zu sehen und zuzulassen scheint mir eine hohe Kunst- oder eben eine gute Selbstfürsorge- wie man `s nimmt. Ansonsten versuche ich, meine Angst nicht übermäßig viel Platz einzuräumen und übertriebenen Ängsten Einhalt zu gebieten. Meine Therapeutin hat mir beigebracht, realistisch zu schauen, was denn immer das Schlimmste wäre, was denn überhaupt passieren könnte- egal bei welchen Gedanken oder Situationen. Das mache ich mittlerweile schon oft unterbewusst bzw. sofort, wenn ich merke, diese irrationale Angst bricht wieder durch. Ja, was kann eigentlich Schlimmes passieren? Das Leben wird ja immer weitergehen, wenn man nicht stirbt. Das ist auch eine Erkenntnis, die lange gebraucht hat, bis sie bei mir ankam. Eine Erkenntnis, die so simpel ist, dass sie mir überhaupt nicht bewusst war… Da begleiten mich ständig die schlimmsten katastrophalen Gedanken… Und die Lösung ist doch so nah! Was mir aber auch seit nicht allzu langer Zeit hilft (grade im Winter) ist folgender Satz: Sobald du deine Wohnung verlässt und dich den Aufgaben stellst, die dir Angst machen, wird es sofort besser! Du schaffst das! Dadurch mache ich mir nicht nur Mut sondern relativiere die irrationale Angst und nehme ihr dadurch die Macht über mein Leben. Diesen Weg werde ich jetzt stetig trainieren und weitergehen. Solange, bis es selbstverständlich wird.

Und so auch heute; ich habe mich entschieden, meine Selbständigkeit in der Ernährungsberatung nicht direkt aufzugeben aber eine unbefristete Pause einzulegen. Ausschlaggebend war die Absage eines Morgen vereinbarten Termins durch meine Kundin. Ich war so unbeschreiblich erleichtert, dass sie abgesagt hat. Das hat mir ziemlich zudenken gegeben, zumal es nicht das erste Mal war, dass ich diese Erleichterung gespürt habe, nachdem eine meiner Kundinnen einen Termin abgesagt hat. Ich merke einfach schon Tage vorher eine so immens große Anspannung, die ich kaum aushalten kann. Trotzdem wollte ich mir die Chance geben, eine zeitlang weiterzumachen um mir selber eine reelle Chance zu geben. Auch die Tatsache, dass ich sehr viel positives Feedback bekommen habe und auch weiß, dass ich in meinem Job gut bin, hilft mir nicht, diese enorme Anspannung zu verringern. Mir geht es dadurch einfach zu oft zu schlecht. Und das möchte ich nicht mehr! Ich möchte nicht mehr morgens aufwachen und Angst vor den Terminen haben- auch, wenn diese erst zwei oder drei Tage später stattfinden. Das geht nicht mehr und sollte wohl auch nicht so sein. Ich denke, dass der Zeitpunkt noch zu früh ist, um mit der Ernährungsberatung weiterzumachen. Für später könnte ich es mir trotzdem vorstellen. Aber für die nächste Zeit nicht mehr. Ich habe festgestellt, dass es extrem schwer ist und meine ganze Kraft in Anspruch nimmt, wieder gesund und stabil zu werden. Mein ehemaliger Psychiater hat mir schon vor vielen Jahren gesagt, dass es die Seele Schwerstarbeit verrichtet, um bei diesem Grad der Erkrankung überhaupt lebensfähig zu bleiben. Das habe ich zwar damals schon kopfmäßig verstanden, nur gefühlsmäßig eben nicht. Wie auch? Ich kannte ja nichts anderes. Mittlerweile habe ich schon verstanden, dass so eine Erkrankung Körper und Seele so vieles abverlangt, dass für Aspekte wie Arbeit oder Ähnliches einfach noch kein Platz ist. Aber das Beste daran ist: es ist okay! Es ist nicht schlimm sondern ich spüre eine Erleichterung und kann meine Entscheidung akzeptieren! Das ist ein ganz großer Schritt nach vorne. Erstmal möchte ich mich noch weiter stabilisieren und danach sehe ich weiter!

34. Kapitel (Ende Februar 2016)

Seit dieser Entscheidung ist ein guter Monat vergangen. Es kam dann doch, was eigentlich unvermeidlich ist: der totale Absturz. Aber so richtig! Ich habe an einem Wochenende gedacht, dass ich es nicht mehr schaffe zu überleben. Der Grad der Verzweiflung und der Einsamkeit war einfach zu hoch. Ich hatte das Gefühl, dass mir nichts mehr helfen kann als der Tod. Gott sei Dank ist es dazu nicht gekommen. Nach dem Wochenende habe ich den sozialpsychiatrischen Dienst aufgesucht. Dort hat mir jemand zugehört und mich ernstgenommen, was extrem wichtig war. Außerdem habe ich noch weitere Angebote bekommen, von denen ich allerdings noch keine wahrgenommen habe. Ich denke aber noch drüber nach, entweder eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen oder die für mich zuständige Ärztin anzurufen. Mittlerweile geht es mir aber besser. Letztes Wochenende bin ich sonntags aufgewacht und habe gemerkt, dass es mir gut geht. Diesen Zustand konnte ich sogar bis zum Nachmittag halten. Die Wochenenden sind noch immer schwer auszuhalten. Wenn ich mich verabrede oder mir etwas vornehme, ist es besser aber auch oft nicht gut. Deshalb kommen die schwersten Krisen auch immer am Wochenende und am Montag. Montags laufe ich oft rum wie ein Zombie und spüre kaum etwas als Traurigkeit. Erst zum Nachmittag hin bzw. nach kleineren Aktivitäten bessert es sich dann. Gegen den „Zombie“ in mir bin ich noch machtlos. Da kann ich nicht einfach sagen: „Hey, es ist dein Leben und du kannst dich jetzt auch entscheiden, glücklich zu sein und den Zustand annehmen, wie er ist.“ Das Annehmen geht am Wochenende komischerweise besser. Da sind es mehr die Langeweile und die Stille, die mir zu schaffen machen. Vor zwei Tagen hatte ich ein wichtiges Gespräch beim Jobcenter, das mir sehr geholfen hat. Dadurch, dass ich die letzten 1,5 Monate nicht arbeiten konnte, fehlte mir ziemlich viel Geld. Zum Glück habe ich es geschafft, dieses Problem bei meinem Jobvermittler anzusprechen. Er hat mir versprochen, mir dabei zu helfen, dieses Problem möglichst schnell zu klären. Da war ich ziemlich erleichtert, da mir die finanziellen Probleme in Kombination mit der Aufgabe meiner Selbstständigkeit fast das Genick gebrochen haben! Was an diesem Gespräch auch sehr aufbauend war, war die Tatsache, dass er sich wirklich Sorgen um meinen Zustand macht und es ihm wirklich leid tut. Das kam so ehrlich rüber, dass es mich schon ziemlich berührt hat. Es tut wirklich gut zu wissen, dass sich jemand Sorgen um mich macht! Meine Ergotherapeutin hat sich auch Sorgen um mich gemacht. Das tat genauso gut! Mir fehlt einfach noch immer jemand im Leben, der oder die einfach nur an meiner Seite steht; den oder die ich um Rat fragen kann; die mich tröstet und für mich da ist; mit mir die schönen und traurigen Momente im Leben teilt… Alles kann ich selber nicht immer auffangen. Das geht in guten Zeiten. In schwereren Zeiten wird es schon schwieriger und in ganz schlechten Phasen, wie in den letzten Wochen, wird es fast unmöglich, wodurch dann eben diese extremen Abstürze passieren… Gott sei Dank kommen diese extremen Abstürze nicht mehr so häufig vor. Das lässt mich für die Zukunft hoffen. Ebenso die Tatsache, dass ich in den letzten Tagen wieder ein sehr positives und friedliches Gefühl bekommen habe, wenn ich an die Zukunft denke. Mal schauen, wie es weitergeht.

35. Kapitel (März 2016)

Heute bin ich sehr dankbar: dankbar mir selber gegenüber! Heute ist Samstag. Morgens entscheidet sich fast schon immer, wie das Wochenende wird. Die Tatsache, dass ich überhaupt nicht aufstehen wollte, sprach Bände… Irgendwann habe ich es dann aber doch geschafft, aufzustehen und unter die Dusche zu gehen. Die Tatsache, dass die Dame über mir samstags vormittags mal wieder wie wild am putzen war und es im Keller ständig piept, hat meine Spannung ins unermässliche steigen lassen. Ich war so extrem wütend und angespannt. Am liebsten hätte ich wieder alles zusammengetreten und verkloppt. Das habe ich vor wenigen Tagen auch gemacht. Gegen die Wände getreten und mit so einer Wucht auf meinen Schreibtisch gehauen, dass ich mir fast die Hand gebrochen hätte. Danach habe ich noch ordentlich rumgeschrien und geheult. Danach ging es aber wieder. Um aber beim Heute zu bleiben: nach dem Duschen und Eincremen hatte ich wieder einen sehr guten Draht zu mir und konnte wieder klar denken. Also habe ich mir Kaffee gekocht und diesen in meine Thermoskanne umgefüllt. Anschließend habe ich mir ein Brötchen gekauft und mein Frühstück kurzerhand nach draußen verlegt. Okay wir haben Mitte März aber ich bin durch mein tägliches „Draußentraining“ tatsächlich ziemlich abgehärtet und habe fast 45 Minuten an meinem Lieblingsplatz an der Weser gesessen und gefrühstückt. Ich weiß gar nicht, warum ich das Picknicken draußen so lange vernachlässigt habe, bzw. warum mir so lange nicht mehr aufgefallen ist, wie gerne ich es mache und wie unbeschreiblich gut es tut!! In letzter Zeit hat es sich, Gott sein Dank, wieder angeschlichen. Auch mit meinen Freunden zusammen habe ich immer öfter Kaffee aus der Thermoskanne im Becher draußen getrunken. Einmal habe ich es sogar allein gemacht. Das Picknicken draußen erinnert mich stark an meine Zeit in Neuseeland. Da habe ich so oft draußen gepicknickt! Da verbinde ich nur positive und gute Gefühle mit! Und deshalb habe ich heute Morgen schon eine ganz tiefe Zufriedenheit und Ruhe verspürt. Ein Stück vom Glück sozusagen!

36. Kapitel (April 2016)

Heute war wieder ein sehr ereignisreicher Tag. Ich bin grade sehr bewegt und auch ziemlich schockiert. Ich hatte vorhin Ergotherapie. Da kamen wir zum Schluss noch kurz auf meinen Zustand der letzten Wochen zu sprechen. Meine Ergotherapeutin hat mir gesagt, dass sie sich so ihre Gedanken gemacht hat. Sie hat vorletztes Mal keinerlei Hoffnung mehr bei mir gesehen. Sonst war immer noch Hoffnung spürbar, aber zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Das hat mich tief bewegt, spiegelt es doch eine gewisse Hilflosigkeit wieder. Mich macht es sehr traurig, dass ich sie in dieses Gefühl gebracht habe. Niemand sollte hilflos sein. Das Schlimme dabei ist ja, dass sie recht hat. Ich habe mich in letzter Zeit so oft hoffnungslos gefühlt. So hoffnungslos wie noch nie in meinem Leben. Ich habe durch diese Hoffnungslosigkeit sehr viel an Lebensmut und Lebensfreude verloren. Das merke ich jetzt grade. Dabei möchte ich einfach nur, dass mich mal jemand in den Arm nimmt und mir Mut macht; an meiner Seite steht und mir Kraft geben kann. Zumindest in dem Moment, an dem ich es selber nicht mehr kann. Was mir bei der ganzen Sache am meisten Angst macht ist die Frage, ob mir überhaupt noch zu helfen ist… Ich will mich jetzt nicht selber noch mehr runterziehen aber gerechtfertigt ist die Frage schon… Jetzt weis ich auch gar nicht, wie ich mit der Situation weiter umgehen soll. Meine Ergotherapeutin hat ja gesagt, dass sie bei mir jetzt wieder Hoffnung sieht- jetzt, da ich endlich einen Termin für ein Vorgespräch in der Klinik bekommen habe! Heute Vormittag kam der erlösende Anruf! In zwei Wochen findet das Vorgespräch statt. Ich würde es jetzt nicht als meine letzte Rettung sehen. Das ginge zu weit. Aber etwas Linderung wäre schon schön. Und vielleicht den Sinn im Leben wiederzufinden- das wäre auch sehr schön.

Mittlerweile habe ich mich wieder beruhigt. Es ging sogar relativ schnell. Nach dieser schwierigen Situation habe ich meine unguten Gefühle zulassen können, was darin endete, dass ich einen halben Nervenzusammenbruch hatte, so doll habe ich geweint. Aber es hat geholfen! Kurz danach konnte ich es viel besser annehmen, dass jeder Mensch die Verantwortung für sich selber trägt. Sehr schnell habe ich dann auch verstanden, dass sie trotzdem damit umgehen kann. Auch, wenn es manchmal schwer ist. Und auch ich kann langsam aushalten, dass sich Menschen wirklich echte Sorgen um mich machen, wenn ich meinen Zustand nicht bagatellisiere sondern einfach mal sage und zeige, was Sache ist. Ich hatte immer Angst davor, andere Menschen zu sehr zu belasten. Lieber immer schön zu sagen: „ Ist alles nicht so schlimm. Passt schon.“ Nein. Das ist falsch! Wenn etwas schlimm und belastend ist, dann ist es auch so. So und nicht anders. Dass andere Menschen vielleicht schockiert sind, muss ich dann aushalten. Aber der Schmerz geht auch wieder vorbei und das Leben geht weiter. Das ist ganz schön schwer zu verstehen und anzunehmen; aber so langsam geht`s. Die letzten eineinhalb Wochen habe ich überwiegend draußen verbracht. Ich war viel spazieren, habe viele Stunden an der Weser gesessen, draußen Musik gehört und, fast nebenbei, unheimlich viel organisatorisches erledigt, was vor der Klinik noch gemacht werden musste. Dafür habe ich eine Liste geschrieben, die ich häppchenweise abarbeite. Ich bin zwar noch nicht mit allem fertig, habe aber mindestens noch eine Woche Zeit. Und das Wichtigste habe ich zuerst erledigt! Ein großer Therapieerfolg! Es klappt immer besser, unliebsame Dinge zuerst zu erledigen. Dann sind sie weg und ich habe meinen Kopf frei.

37. Kapitel (Mai 2016)

Nun sind weitere zwei Wochen vergangen und ich warte noch immer auf den Bescheid der Krankenkasse, ob sie die Kosten übernehmen oder nicht. Von der Krankenkasse habe ich inzwischen erfahren, dass ich in der Klinik als Notfall geführt werde und eigentlich schon aufgenommen sein sollte…. Was soll ich davon halten…? Der medizinische Dienst der Krankenkasse könnte sich ruhig mal beeilen. Wirklich hilfreich ist diese ewige Warterei nämlich nicht. Am schlimmsten ist immer der Moment, in dem ich zum Briefkasten gehe und noch immer keine Nachricht da ist. Dann ist die Enttäuschung ziemlich groß! Mal mehr Mal weniger aber sie ist da. Momentan habe ich das Gefühl, ich schlage meine Zeit tot oder sitze sie ab… Auch kann ich nichts weiter planen sondern muss mich der Warterei fügen… Das finde ich echt nicht gut- zumal Geduld auch nicht wirklich zu meinen Stärken gehört. Das einzige, was ich machen kann, ist, mich abzulenken und meinen Alltag fortzuführen. Zumindest habe ich dadurch viele schöne Begegnungen mit Menschen, wenn ich rausgehe und mich nicht verkrieche. Heute wurde ich das erste Mal seit Jahren von einem Mann angesprochen, der mich um ein Date gebeten hat. Das war ein sehr schönes Gefühl und tat unheimlich gut!!! Ich scheine nach außen hin noch immer eine sehr positive und freundliche Ausstrahlung auf Menschen zu haben. Oft empfinde ich es überhaupt nicht so. Ich finde mich ganz normal. Was auch spannend und aufregend war, war meine erste Fanpost. Ich habe bei einer Quizshow teilgenommen, die vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde. Daraufhin habe ich eine sehr schöne, offene und herzliche Mail bekommen, dass ich durch meine Art anderen Menschen gut tue. Wow, das ging runter wie Öl und ich konnte es annehmen. Die Mail habe ich mir auch abgespeichert und schon mindestens fünfmal gelesen. Ich versuche also, mein Leben weiter am laufen zu halten und mich langsam weiter nach draußen zu wagen. Vielleicht treffe ich mich sogar mit dem Mann von heute. Allein schon, um mal wieder zu üben oder mir einfach nur ein gutes Gefühl mit nach Hause zu nehmen. Ich möchte nichts von ihm aber ein Date würde meinem Selbstbewusstsein bestimmt gut tun! Ich merke auch wieder schneller und deutlich, dass mich Menschen mögen. Ich hinterfrage es auch nicht mehr und zweifle nicht mehr an der Aufrichtigkeit der anderen Menschen. Ich nehme die Situationen und Menschen, wie sie sind. Das wird jedes Mal ein bisschen einfacher.

38. Kapitel (Mai 2016)

Dieses Wochenende „darf“ ich auch wieder viel lernen- insbesondere, was die Themen Annehmen und Akzeptieren angeht. Es ist das lange Pfingstwochenende… Ich habe mir vorher schon so viele Sorgen gemacht, wie ich dieses Wochenende wohl rumkriegen soll… Geld ist auch kaum noch welches da- und es ist erst Mitte des Monats- naja, die Voraussetzungen sind denkbar ungünstig. Ich habe ja die Gabe, mich immer weiter in meine Ängste und negativen Gedanken reinzusteigern. Ja, und was soll ich sagen: die Hälfte des Wochenendes ist rum und es ging einigermaßen. Ich komme kaum hoch und liege fast die ganzen Tage auf dem Sofa zum Fernsehgucken. Trotzdem könnte es noch schlimmer sein. Gestern Abend war ein Freund zum Glück noch bei mir, sodass ich zumindest gestern mal kurz rausgekommen bin. Immerhin. Heute Morgen hatte ich sogar kurz wieder Lust, meine Ernährungsberatung weiterzumachen. Das war ein kurzer Lichtblick, der ehrlich war. Eben habe ich noch die progressive Muskelentspannung gemacht und bin mir dadurch wieder etwas näher gekommen. Nun bin ich grade dabei, meinen Zustand zumindest mal anzunehmen und zu akzeptieren. Die Warterei auf den Kliniktermin ist wirklich absolut zermürbend, kraftraubend und einfach nur anstrengend! Ich hätte niemals gedacht, dass ich da so sehr drunter leiden würde! Niemals. Man ist so hilflos und kann wirklich nur warten. Immerhin habe ich jetzt die Zusage der Krankenkasse, dass sie den Aufenthalt bezahlen. Zum Glück!! Damit ist ein weiterer Meilenstein geschafft! Das nächste, was jetzt kommt, dürfte der Klinikaufenthalt sein. Was ich bis dahin weiter versuche, ist, mir meine feste Alltagsstruktur zu bewahren, rauszugehen, Freunde zu treffen, mich zu entspannen und noch vieles mehr. Ich kann dadurch meinen Tag recht gut ausfüllen. Manchmal reicht es aber nicht. Wie eben an diesen langen Wochenenden. Da wünsche ich mir einen Partner an meiner Seite- oder eine Ersatzmutter. Dann würde ich mich nicht so alleine fühlen. Jetzt kann ich nur schauen, dass ich diese Tage bis zur Klinik noch gut rumbekomme und immer jemand da ist, der mir Gesellschaft leistet.

Einen Termin habe ich noch immer nicht, dafür aber neue Ideen und Anregungen, wie ich die Wartezeit besser überbrücken kann. Heute war ich wieder beim sozialpsychiatrischen Dienst. Meine Ansprechpartnerin dort gab mir folgenden Tipp: Ich solle in Bremen „Urlaub“ machen. Meine Stadt neu entdecken und aus einem anderen Augenwinkel sehen bzw. wahrnehmen. Dafür kann ich z.B. die vielen kleinen Veranstaltungen wahrnehmen, die nichts oder nur wenig kosten. Jetzt verspüre ich den großen Wunsch, in den nächsten Tagen eine Hafenrundfahrt mit dem Schiff zu unternehmen. Da habe ich richtig Lust drauf bekommen! Also wechsle ich jetzt die Perspektive und entdecke meine Stadt neu. Das Gespräch heute war so belebend und hat mir richtig Auftrieb gegeben. Heute Morgen war ich nämlich noch extrem müde und neben der Spur. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass ich regelrecht weggetreten war. Ich habe mich dann auf zu einem Spaziergang gemacht. Die erste Viertelstunde bin ich nur „gerannt“; ohne mich zu spüren oder irgendetwas wahrzunehmen. An der Weser bin ich dann ganz bewusst stehengeblieben, habe tief eingeatmet und richtig gespürt, wie ich wieder zu mir komme! Das war ein wirklich beeindruckendes und intensives Gefühl.

39. Kapitel (Juli 2016)

Was ich für mich merke ist, dass ich es besser aushalten kann, wenn meine Mitpatienten weinen. Da kann ich mich deutlich besser gegen abgrenzen. In den letzten Sitzungen haben einige Mitpatienten geweint aber ich konnte es bei ihnen lassen. Natürlich hat es mich schon berührt aber ich hatte das erste mal bewusst das Gefühl, dass mich deren Traurigkeit und Tränen nicht mehr bedrohen. Ich habe auch nicht mehr so sehr das Gefühl, dass ich meine Mitpatienten mit meiner eigenen Traurigkeit runterziehe. Langsam verstehe ich, dass Tränen tröstlich sind; nicht nur für mich sondern auch für andere Menschen. Ich kann sogar schon etwas Trost spenden und auch wahrnehmen, dass dieser Trost ankommt und meine Mitpatienten auch berührt. Heute habe ich von meiner sehr lieben Co- Therapeutin die Rückmeldung bekommen, dass ich sehr viel zu geben habe und man das spüren kann. Ich kann es annehmen, weil diese schwere, tiefe Depression, die mich hier fast von Beginn an ereilt hat, langsam nachlässt. Ich habe hier das erste mal in meinem Leben keine Lust mehr auf Schokolade! Das ist wirklich sehr erstaunlich angesichts der Massen, die ich vorher in mich reingeschaufelt habe. Wenn ich die Schokolade esse, löst sie gar nichts mehr in mir aus. Kein Glücksgefühl z.B. Die Lust darauf ist komplett vergangen. Ich habe gar keinen Geschmack im Mund. Das betrifft auch das Essen im Speisesaal. Gestern hatte ich das erste Mal wieder das Gefühl, etwas zu schmecken. Was gestern auch so schön und berührend war, war die Reise an einen sicheren Ort. Ich habe mir dafür meinen Lieblingsstrand in Neuseeland ausgesucht, der mir Ruhe und Kraft gibt. Hinterher, als wir wieder aufgetaucht sind, von unserem sicheren Ort, musste ich wieder weinen. Diesmal allerdings waren es berührende Tränen. Das Gefühl hatte etwas von Frieden. Hier ist mir erst klargeworden, wie sehr ich das letzte halbe Jahr gelitten habe. Insbesondere durfte ich hier endlich meine Fassade, meine Selbstkontrolle und meine Selbstdisziplin fallenlassen und mich offen meinem Leben stellen. Dabei wurde sehr deutlich, dass es mir schon seit 7 Monaten sehr schlecht geht und mir so langsam aber sicher die Kraft ausgegangen ist. Nun gilt es, den Scherbenhaufen, in dem ich jetzt stehe, wieder zu verlassen und mein Haus wieder neu aufzubauen. Der Anfang ist gemacht!

40. Kapitel (Juli 2016)

Oh man. Fast hätte ich vergessen, wie hart so ein Klinikaufenthalt ist und wie schwer es ist, seine Grenzen zu erreichen. Darüber funktioniert einfach nichts mehr. Vorgestern hatte ich meinen ersten Totalzusammenbruch. Hier gab es Streit und so viele unterschwellige Aggressionen, dass ich es nicht mehr aushalten konnte. Meine Spannung wurde so hoch, dass selbst ein Coolpack nur noch geringfügige Erleichterung verschafft hat. Immerhin konnte ich nach einer halben Stunde zu unserer Co- Therapeutin ins Zimmer, die sich sehr viel Zeit genommen hat. Wir haben den „heißen Stuhl“ zusammen gemacht (man hockt sich an die Wand, ohne, dass ein Stuhl vorhanden ist). Darüber konnte ich meine ganze Spannung abgeben. Ich hätte niemals gedacht, dass es so gut funktioniert! Das ist jetzt mein zweiter Hochanspannungsskill. Nachmittags hatten wir eine Veranstaltung und ich habe nur gemerkt, dass es mir nicht gut geht. Ich hatte den ganzen Tag über schon starke Kopfschmerzen. Mir war schwindelig und ich konnte meinen Kopf nicht mehr richtig bewegen. Irgendwann habe ich es dann meiner Co- Therapeutin (die gleiche wie vom Vormittag) gesagt. Sie hat mich dann aufs Zimmer gebracht; ich konnte ihr noch sagen, dass mir grade alles zuviel ist. Dann kamen die Tränen. Von einer Sekunde auf die nächste. Und zwar so richtig. Ich habe mich noch schnell auf das Bett gesetzt, meinen Kopf in meine Hände gelegt und richtig doll geweint. Dabei habe ich alles rausgelassen und konnte sogar meine Gedanken, die Hilflosigkeit, die Überforderung und die Erschöpfung, kundtun. Meine Co- Therapeutin saß währenddessen auf dem Stuhl und hat mich weinen lassen. Sie war in dem Moment für mich da und hat mir durch ihre Anwesenheit Trost gespendet. Das tat so gut!! Dann hat sie sogar die Gruppe für mich abgebrochen und ist mit mir zusammen zur medizinischen Zentrale gegangen, um meine Bedarfsmedikamente und ein neues Coolpack zu holen. Anschließend hat sie mich wieder aufs Zimmer gebracht. Am nächsten Tag ging es mir wieder besser und ich habe mich bei ihr bedankt für die Fürsorge und die Zeit, die sie mir gewidmet hat. Ich habe sie gefragt, ob ich sie in den Arm nehmen darf und ich durfte es. Wir mögen uns sehr gerne. Sie hat mir dann auch gesagt, dass sie sich Sorgen um mich gemacht hat. Das war sehr schön zu hören, habe ich mir doch selber Sorgen um mich gemacht. Die Arbeit an sich selber ist so hart und braucht so viel Kraft!!! Dann ist es so schön, auch Erfolgserlebnisse zu haben. Sowohl im zwischenmenschlichen Bereich als auch im Kontakt mit mir selber. Ein weiteres schönes Erlebnis bzw. eine weitere schöne Erfahrung ist, dass ich meine alte Co- Therapeutin von 2014 wiedergetroffen habe. Ich habe jetzt die Erlaubnis, dass ich sie immer in den Arm nehmen und mir die „mütterliche Geborgenheit“ holen darf. Heute haben wir uns nach der PTBS Gruppe gesehen und mir ging es nicht gut. Ich konnte es ihr nicht nur sagen sondern auch zeigen, ohne meine „lächelnde Maske“ aufsetzen zu müssen. Sie sagt mir immer, dass ich eine sehr zarte und verletzliche und gleichzeitig auch eine enorm starke Seite in mir habe, die es weiter miteinander in Einklang zu bringen gilt. Heute hat sie einmal mit mir zusammen durchgeatmet. Sie hat sofort gespürt was ich brauche, hat mich gehalten und mir Kraft gegeben. Zum Schluss haben wir uns noch an den Händen gehalten und ich hatte das Gefühl, dass sie mich gar nicht gehen lassen wollte. Ich mache hier viele neue Erfahrungen und Fortschritte.

41. Kapitel (Juli 2016)

Ein weiteres neues Thema ist das Thema: Erwachsen werden. Angestoßen durch das Gespräch mit unserem Stationsleiter kam ich zur Erkenntnis, dass ich Erfolge nicht mir sondern anderen Menschen zuschreibe und mich deshalb immer von anderen Menschen abhängig mache, weil ich mir auch nichts mehr zutraue. Diese Erkenntnis hat mich sehr getroffen und ich habe sofort angefangen zu weinen. In dieser Erkenntnis steckt so viel Wahres und gleichzeitig so viel Leid! Kein Wunder, dass ich kaum Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen kann; ich habe viel zu viel Angst davor, dass sie eh wieder weg sind und ich danach wieder allein dastehe- wie als Kind. Dieses innere Kind lebt ja in mir weiter und braucht Schutz. Nun habe ich verstanden, dass nur ich alleine auf mich und mein inneres Kind aufpassen und ihm Schutz geben kann. Ich hatte so lange das Gefühl, von Therapeuten und Ärzten abhängig zu sein und gar nicht mehr alleine leben zu können. Voll schlimm, wenn ich das so überlege… Ich fühle mich und handle noch so oft wie mein inneres Kind. Die erwachsene Seite ist durchaus da, wie z.B. im Berufsleben. Aber im Alltag? Wenn ich alleine bin? Eher nicht so oft… Nun heißt es für mich also: Erwachsen werden. Zumindest bis zu einem gewissen Teil. Mein inneres Kind soll auch seinen Raum bekommen. Auch mit meinem anderen Thema, den Trauma auslösenden Momenten, komme ich langsam weiter. Im letzten Einzel haben wir eine Imaginationsübung gemacht, in der ich unter Anleitung immer wieder ins Traumabild zurückgegangen bin. Zwischendurch habe ich die Bauchatmung gemacht und einen Bezug zur Gegenwart hergestellt. Und dann ging es wieder zurück ins Traumabild. Zum Schluss hatte ich das Gefühl, dass nicht mehr nur das kleine Mädchen vor der Situation stand sondern dass die Erwachsene hinter dem kleinen Mädchen steht; die Situation aus einer anderen Perspektive, einem anderen Blickwinkel betrachtet… Erstaunlich…

42. Kapitel (August 2016)

Heute habe ich wieder meine alte Co- Therapeutin getroffen. Auch vor zwei Tagen schon. Ich glaube, dass sie mir immer in ganz wichtigen Situationen geschickt wird; dann, wenn ich sie besonders brauche. Zwischendurch einfach so zum Streicheln der Seele und manchmal in besonderen Momenten. Heute war wieder so ein Moment. Ich konnte mich das erste Mal am Frühstückstisch von den negativen Stimmungen meiner Mitpatienten abgrenzen! Es hat mir nichts mehr ausgemacht! Ich bin bei mir geblieben und konnte alles andere ausblenden. Und ich habe mich das erste Mal richtig auf die Zeit zuhause gefreut. Zwar nur kurz aber immerhin. Während der Pause unserer PTBS Gruppe habe ich mich mit meinen Mitpatienten unterhalten und kurz über meine Wohnsituation gesprochen. Darüber, manchmal lieber auf der Straße wohnen zu wollen als in meiner Wohnung. Dieser Moment hat meine erwachsene Seite so darin bestärkt, umzuziehen und tatsächlich wieder an den Stadtrand oder in ein größeres Dorf zu ziehen, wo sehr viel mehr Ruhe ist. Diesen Gedanken habe ich schon lange. Und so kommen viele neue Erkenntnisse und dazugehörige Gefühle zusammen, die ich meiner ehemaligen Co- Therapeutin so auch mitgeteilt habe. Ich habe sie quasi auf den neusten Stand gebracht. Und da sie mich schon länger kennt, war sie heute sehr berührt, wie ich mich weiterentwickelt habe. Ich habe richtig gemerkt, dass sie den Tränen auch sehr nahe war. Sie hat sich auch sehr aufrichtig und ehrlich für meine Offenheit und Echtheit, für meine Authentizität und meine Ehrlichkeit bedankt… Und besonders dafür, dass ich sie an meiner Entwicklung habe teilnehmen lassen. Das ging wirklich unter die Haut… Und rührt mich auch jetzt noch zu Tränen. Das kam so von Herzen… Vor zwei Tagen hat sie mich schon so berührt, indem sie mir gesagt hat, dass sie einen riesen Respekt und Hochachtung vor mir hat, weil ich immer wieder aufstehe, weitermache und dafür kämpfe, dass es mir besser geht. Mittlerweile bekomme ich auch wieder einen Bezug zum Leben und merke immer mehr, dass ich wirklich auch weitermachen will und es sich lohnt, zu kämpfen. Für die vielen kleinen und auch großen schönen Dinge im Leben.

43. Kapitel (August 2016)

So langsam nähert sich mein Aufenthalt dem Ende. Noch gut eine Woche und dann geht es nach Hause. Seit einigen Tagen nehme ich ein Antidepressivum. Mal sehen, wie es wirkt, wenn es noch hochdosiert wird. Ansonsten habe ich die Woche viel geweint. Zum einen aus Überforderung und zum anderen aus Rührung. Wer mich berührt hat war unsere Stationsärztin, die mir zugehört und mir zugestanden hat, all meine ungeweinten Tränen rauszulassen. Was sie in unserem letzten Gespräch am Freitag auch erkannt hat, ist, dass ich in meinem Inneren sehr einsam bin… Trotz Familie und Freunden. Was daran liegt, dass ich niemanden an mich ranlasse. Die Tatsache, dass es endlich mal jemand erkannt hat, wie einsam ich in meinem Inneren wirklich bin, hat mir sehr geholfen! Ich habe immer gedacht, dass es andere Menschen niemals verstehen können. Und nun hat es endlich jemand erkannt. Weiterhin hat mich meine ehemalige Co- Therapeutin zu Tränen gerührt. Wir werden uns diese Woche langsam verabschieden. Ich habe ihr gesagt, dass ich beim Abschied sicherlich weinen werde. Darauf hat sie geantwortet, dass die Tränen ja jetzt oft schon kommen- und damit meinte sie nicht mich sondern sich. Das ist genau das, was ich die Woche davor schon so intensiv gespürt habe. Diese Nähe und Verbundenheit. Da habe ich ihre Tränen auch deutlich gespürt. Das hat mich so sehr berührt! Das Gefühl, dass ich ihr noch immer wichtig bin. Dass da etwas ist, was hält und beständig ist- in meinem Herzen. Diese Erfahrung kann tatsächlich heilsam sein. Sie heilt die dunklen Flecken auf meiner Seele… Lässt sie wieder leuchten.

Außerdem kam heute wieder etwas aus dem Inneren hoch, was sehr wichtig für mich ist: Ich saß auf meiner Lieblingsbank am Fluss und habe mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Und dann kam das Gefühl von Erleichterung; in Kombination mit den Gedanken, dass es nicht meine Schuld ist, dass ich in diesem Zustand bin; dass es mir schon so lange Zeit so schlecht geht und ging. Dass ich meinen Beruf nicht (mehr) ausüben kann sondern dass es die Bedingungen in meinem Leben sind, die mich dahingebracht haben, wo ich grade stehe. Ich brauche mir daran keine Schuld mehr zu geben sondern kann diesen Zustand jetzt vielleicht endlich mal akzeptieren und versuchen, anzunehmen. Ich glaube, dass mir noch oft das Verständnis für meine Krankheit fehlt; vieles ist für mich so normal, dass ich es nicht als Krankheit sondern als Zustand sehe. Bei anderen kann ich es viel eher verstehen und akzeptieren, dass sie krank sind. Bei mir noch nicht so. Aber vielleicht war das heute ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung!

44. Kapitel (September 2016)

Seit 3 Wochen bin ich nun wieder zuhause. Letztendlich habe ich mich überwunden und meinen Vater gebeten, mich aus der Klinik abzuholen. Es hat mich wirklich sehr viel Überwindung gekostet aber ich bin froh, ihn um Hilfe gebeten zu haben. Ich hätte wohl auch fahren können, habe mich so aber besser gefühlt. Zuhause war – entgegen aller Befürchtungen- vieles einfacher und besser. Meine Termine habe ich alle wahrgenommen, habe meinen Alltag im Griff, gehe sogar wieder regelmäßig putzen und bin dabei, viel Neues auszuprobieren. Fest mache ich es am Thema „morgens aufstehen“. Ich bin dazu übergegangen, morgens auch unter der Woche einfach mal liegen zu bleiben, wenn ich noch keine Lust verspüre, aufzustehen. Und ich muss sagen, dass es mir dadurch besser geht. Den Tag über fühle ich mich fitter und auch die Nachmittagstiefs sind verschwunden. Okay, das Aufstehen ist noch immer nicht einfach und ich habe morgens auch oft noch Angst, den Anforderungen des Tages nicht gerecht zu werden. Sprich: mir geht es morgens nicht so gut. Es dreht sich immer um das Thema „Arbeiten“. Insbesondere die Wiederaufnahme meiner Ernährungsberatung. Das ist ein Punkt, der mich immer noch sehr stresst, weil ich nicht weiß, ob ich schon soweit bin, wie die Fortführung der Ernährungsberatung aussehen kann (Büro: ja oder nein? Was spricht dafür und was dagegen?) und diese Gedanken führen in der Summe dazu, dass ich noch sehr unruhig schlafe, in meinen Träumen sehr viel Bewegung ist und ich auch die Klinik noch nicht loslassen kann.

Gestern Abend habe ich wieder lange wachgelegen, weil ich an die Menschen aus der Klinik, die ich mochte, und an spezielle Situationen gedacht habe, die mich nicht loslassen. Das liegt, glaube ich, auch daran, dass ich mich noch sehr unter Druck setze und schnell zu viel von mir verlange und erwarte. Was sind schon 3 Wochen? Die eine Seite in mir sagt: „Hey, du bist erst drei Wochen zuhause und bekommst deinen Haushalt geregelt, gehst jetzt schon wieder etwas arbeiten, bereitest dich jetzt schon wieder auf deine Ernährungsberatung vor, suchst sogar schon wieder ein Büro! Hallo? Nun mach mal halblang und lasse deine Seele baumeln. Auch, wenn ich mich täglich ausführlich um meine Seele und Ruhe- bzw. Erholungszeiten kümmere.“ Und die andere Seite sagt: „Du hast dir in der Klinik so viel vorgenommen. Es sind schon drei Wochen rum und du hast dich noch nicht genug um deine Arbeit bemüht. Das hätte mehr sein können. Auch die Therapeutensuche lässt du schleifen. Spazieren gehen, rausgehen, neue Freundschaften schließen, dir ein Pflegepferd suchen, etc. hätte auch alles mehr sein können… Dass ich zwischendurch erschöpft bin, auch von der Klinik, vergisst diese Seite leider dabei. Das stresst mich sehr! Dieser zum Teil noch immer sehr hohe Anspruch an mich! Ich merke es auch daran, dass ich fast wieder so viel Schokolade esse, wie vor der Klinik. Und das, obwohl ich es in der Klinik fast überhaupt nicht mehr brauchte. Das ist schade und macht mich etwas traurig. Was ich noch merke ist, dass ich mir wieder die Haut an den Fingern aufreiße. Das mache ich nur, wenn die Anspannung sehr hoch ist. Das war in der Klinik auch weniger. Und trotzdem spüre ich wieder das Leben in mir! Spüre Lebensfreude, Lebenslust und habe wieder Mut, nach vorne zu schauen und mein Leben wieder in Angriff zu nehmen. Diese tiefe Depression ist verschwunden und hat vielen positiven Gefühlen und Gedanken Platz gemacht!

45. Kapitel (Oktober 2016)

Mittlerweile sind einige Wochen vergangen. Ich muss wirklich sagen, dass ich relativ begeistert bin, weil es mir noch immer gut geht! Klar, einzelne Tage oder Momente sind auch nach wie vor noch nicht so einfach aber ich würde sagen, dass das ziemlich normal ist. Noch immer spüre ich die Lebensfreude und die neugewonnene Kraft. Diese Kraft hilft mir dabei, meinen Alltag besser hinzubekommen und auch mein neues Hobby- das Fotografieren- mit Freude auszuüben. Mittlerweile habe ich zwei Fotos geschossen, von denen ich sagen kann: „Hey, super! Geniale Fotos!“. Ich bin also mit dem Ergebnis zufrieden und möchte diese zwei Fotos ausdrucken, rahmen und aufhängen. Auf den Fotosafaris vergesse ich immer alles um mich herum und verschwimme mit der Natur und meinen Motiven. Das sind immer sehr befreite und unbeschwerte Momente, in denen der Alltag komplett in den Hintergrund gedrängt wird. Es sind kleine Auszeiten aus dem Alltag, die gut tun und Freude bereiten. Dadurch fällt das Verlassen der Wohnung auch leichter. Ich denke nicht mehr so stark darüber nach, bzw. mir fallen nicht mehr so viele Gründe ein, die gegen das Verlassen der Wohnung sprechen. Ich möchte die Fotosafari machen und gehe einfach raus. Ohne nachzudenken.

Heute habe ich allein die Überseestadt besucht und mir im Schuppen 1 eine Fotoausstellung angesehen. Erst habe ich den Schuppen nicht gefunden und wollte schon umkehren und wieder nach Hause fahren. Gott sei Dank habe ich ihn dann doch noch gefunden und mir nicht nur die Fotoausstellung sondern auch die Oldtimer angesehen. Das war wirklich sehr spannend und hat richtig Spaß gemacht. Ich habe mich komplett in die Welt der Oldtimer hineinbegeben. Da vieles amerikanisch war, gab es viel Rockabilly Deko und viele alte Möbel bzw. Ausstellungsstücke. Das hat mich früher schon immer fasziniert und vielleicht sogar mein Interesse neu entfacht! Es war wirklich ein sehr gelungener Ausflug. Und das ganz alleine! Ich habe sogar meine Lieblingslederjacke angezogen, die ich mir letztes Jahr gekauft, aber nie angezogen habe. Sie war zu cool und das habe ich mir nicht erlaubt. Ich wollte lieber unauffällig sein… Das ist nun zum Glück vorbei- zumindest phasenweise. Das reicht auch. Also: vieles wird immer besser und ich werde immer zufriedener! Dieses Gefühl und die Erfahrung, wieder viel mehr Energie und Kraft zu haben, haben dazu beigetragen, dass ich mich wieder voll und ganz meinem Berufswiedereinstig widmen möchte und mich jetzt auch wieder traue.

Gestern habe ich mir ein kleines bezahlbares Bürozimmer angesehen und es für tauglich und passend befunden. Mit der Vermieterin bin ich mir auch schon einige geworden! Es geht auch nicht sofort los sondern in 1,5 Monaten. Dadurch habe ich noch Zeit, wieder Werbung zu machen und mich bei meinen alten Kunden zurückzumelden. Etwas, was noch vor einem knappen Jahr vollkommen abwegig gewesen wäre! Ein wunderbares Gefühl, was ich dabei empfinde, langsam wieder in meine Ernährungsberatung einzusteigen!! Und es ist so wunderbar, dieses positive Gefühl zu spüren und auch halten bzw. immer wieder neu abrufen zu können! Klar weiß ich, dass die Ängste sich zeitweise sicherlich wieder verstärken werden. Aber ich weiß auch, dass nur ich allein diese Ängste überwinden kann, indem mich ihnen stelle und nicht kneife. Aber von diesen Gedanken lasse ich mich nicht mehr verrückt machen. Es kommt eh, wie es kommt. Und ich kann sehr viel für mich tun. Selber etwas erreichen. Und das ist gut so!

46. Kapitel (Ende Oktober 2016)

Heute bin ich nicht gut drauf. Zum Glück aber auch nicht so schlecht wie noch vor vielen Wochen. Trotzdem spüre ich, wie meine Gedanken heute immer wieder abdriften. Mein inneres Kind fühlt sich einsam und ist traurig. Das weiß ich, weil ich in der Ergotherapie gelernt habe, dass nicht ich als Erwachsene diese Traurigkeit und Einsamkeit verspüre, sondern mein inneres Kind bzw. meine inneren Kinder. Es sind deutlich mehr als eines. Die Kinder würden sich gern anlehnen, sich fallen lassen und Nähe bzw. Geborgenheit spüren. Das sind immer diese Momente, in denen ich noch nicht richtig weiß, wie ich damit umgehen soll. Ich möchte ja, dass meine Kinder sich sicher, geborgen und getröstet fühlen. Ich habe als Erwachsene oft noch Angst davor, diese Rolle zu übernehmen. Es fühlt sich so an, als wenn ich den kindlichen Teil in mir lieber abspalten, vor der Verantwortung fliehen möchte. Nun kann ich den Zustand auch so lassen, wie er ist. Allerdings ist der Leidensdruck sehr hoch. Aber was jetzt machen? In der Klinik habe ich ja festgestellt, dass ich gerne in diesem traurigen Zustand verharre, weil er (vermeintlichen) Schutz und Sicherheit bietet. Der Zustand ist mir schließlich fast mein ganzes Leben lang treu geblieben. Andererseits habe ich mir in der Klinik aber auch fest vorgenommen, meinen Leidensdruck zu verringern. Also habe ich genau hingeschaut und festgestellt, dass ich meinen Eisprung und dadurch auch hormonell bedingte Verstimmungen habe. Da kann ich immerhin schon sagen: „Das ist ok. Morgen ist es dann auch wieder besser.“ Ich steigere mich nicht noch weiter rein sondern akzeptiere den Zustand, messe ihm aber keine besonders große Bedeutung zu.

Was auch geholfen hat war Ablenkung. Ich habe mir meine Lieblingszeitschrift gekauft und eine Stunde drin gelesen. So konnte ich den Gedankenkreis unterbrechen und die Gedanken bzw. die Konzentration umlenken. Letztendlich hat es mir auch sehr geholfen, genau hinzuschauen, welcher Anteil in mir traurig ist und sich einsam fühlt. In Gedanken stelle ich mir einfach Menschen vor, die ich mag und zu denen ich vertrauen habe. Diese Menschen nehmen mich dann zumindest gedanklich in den Arm und ich weine mich an deren Schulter aus. Oder ich denke an schöne Momente, die mir geholfen haben, wie z.B. an einzelne Situationen mit meiner neuen Ergotherapeutin bzw. meinen beiden Co- Therapeutinnen aus der Klinik. Jede einzelne hat schon mindestens einmal meine Hand gehalten und mir dadurch viel Halt gegeben. Meistens schaffe ich es allerdings noch nicht, diese Bilder wieder loszulassen, sodass ich oft stundenlang an diese Situationen denken muss, was dann nicht mehr unbedingt hilfreich ist. Oder doch? Ab wann hört es auf, hilfreich zu sein? Ich weiß es nicht. Könnte mir aber vorstellen, da es ja spätestens nach einigen Tagen weniger wird, dass sich die Seele so viel an Zuspruch und Stärkung holt, wie sie braucht.

47. Kapitel (Anfang Dezember 2016)

Mittlerweile ist wieder einige Zeit vergangen. Es waren sehr aufregende Woche- habe ich doch den Umzug in mein neues Büro geschafft! Zugegeben: es ist noch nicht alles perfekt eingerichtet aber ich lerne grade, dass 100% noch nicht immer sein muss. Also versuche ich, alle Fünfe grade sein zu lassen und mich nicht zu stressen. Kunden könnte ich ohne weiteres empfangen. Lediglich die Enddekoration ist noch nicht fertig. Aber was soll`s? Dann habe ich wenigstens an meinem ersten richtigen Arbeitstag noch etwas Schönes zutun.

Was mich letzte Woche ausgebremst und mich dazu gezwungen hat, gleich den ersten Termin mit meinen neuen Kunden zu verschieben, war der Noro Virus. Normalerweise bekomme ich diesen gar nicht, denke aber, dass es ein Zeichen von oben war, ganz besonders gut auf mich zu achten. Die Anspannung in der letzten Zeit war auch wieder sehr hoch. Das habe ich z.B. daran bemerkt, dass mein Herzschlag schneller war als sonst und ich- trotz Ritualen und progressiver Muskelentspannung- nicht ein- bzw. durchschlafen konnte. Ich hatte das Gefühl, ständig in Aufruhr zu sein. Okay, war ich ja auch. In Aufruhr, meine ich. Letzte Nacht habe ich dann seit Monaten mal wieder durchgeschlafen. Als wenn durch den Virus auch die starke Anspannung rausgekommen ist. Mir ging es schon lange nicht mehr so dreckig wie in der letzten Woche! Die Magenschmerzen waren kaum noch zu ertragen. Und deshalb bin ich mir auch sicher, dass die Psyche einen großen zusätzlichen Anteil hatte. Es hat wirklich einige Tage gedauert, bis ich mich davon erholt habe. Aber nun geht es wieder und ich schaue wieder frohen Mutes nach vorne.

Was mir auch sehr hilft ist meine geschäftliche Seite im sozialen Netzwerk. Daran kann ich sehen, wie viele Menschen meine kleinen Posts schon erreichen und wie sie sich verbreiten. Das zeigt ein großes Interesse an meiner Ernährungsberatung und zeigt mir sehr deutlich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Das ist die Arbeit. Ein wichtiger Halt in meinem Leben. Dann gibt es noch einen anderen Punkt: das ist das Zwischenmenschliche. Als ich in der Klinik war, hatte ich meine beiden „Ersatzmütter“. Die beiden Frauen, die mir so unglaublich viel Liebe und Menschlichkeit vermittelt haben. Beides hat mir so sehr geholfen, wieder zu heilen!! Und deshalb habe ich, so kurz vor Weihnachten, beiden ein kleines Päckchen gepackt mit Pralinen aus meinem Lieblingscafe, Lebkuchen aus einer Bremer Manufaktur und zu guter Letzt einen selbstgebastelten Kalender, mit Fotos z.B. von meinen Fotosafaris. Und eine selbstgebastelte Karte haben auch beide bekommen- mit sehr lieben und persönlichen Zeilen. Ich hatte einfach so ein starkes Bedürfnis, ein bisschen Liebe und Zuversicht zurückzugeben. Das, was beide mir mitgegeben haben, kann ich niemals zurückgeben. Möchte ich auch gar nicht! Aber Dankbarkeit und Freude zu teilen und zu spenden macht mich bestimmt genauso glücklich wie meine beiden „Mamas“, als sie meine Päckchen erhalten haben. Eine hat sogar zurückgeschrieben, womit ich niemals gerechnet habe! Da war auch bei mir die Freude enorm! Es war so schön, was sie geschrieben hat! Sie glaubt so sehr an mich wie ich auch an mich glaube. Und trotzdem brauche ich noch öfter die Bestätigung von außen, dass ich genauso richtig bin wie ich bin. Und dass mein Weg der richtige ist.

Sylvester 2016 

Seit dem Weihnachtsfest habe ich wieder mit einer depressiven Phase zu kämpfen. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass ich am liebsten morgens überhaupt nicht mehr aufstehen mag und mich weitestgehend hochquälen muss. Außerdem bin ich extrem müde, liege abends aber immer ein bis zwei Stunden wach, bevor ich einschlafe. Und meine Wohnung verlasse ich nur sehr ungern. Nun ist es draußen auch bitterkalt und sehr früh dunkel, aber das allein ist es eben nicht. In meinen vielen wachen Stunden abends im Bett drehen sich meine Gedanken oft. Aber ein Gedanke ist vorherrschend: mir geht es zwar grade nicht gut aber es ist alles bei Weitem nicht mehr so schlimm wie noch vor einem Jahr! Diese schweren Gefühle, wie Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, Verzweiflung und diese totale Leere fehlen! Das ist erstaunlich und auch wunderbar! Ich hätte nie gedacht, dass es mal soweit kommt und ich es wahrnehmen und annehmen kann! Es fühlt sich fast an wie ein Geschenk und zeigt mir, dass die letzten Jahre Therapie definitiv gut geholfen und mich gestärkt haben!

Es war zwar eine Zeit der Trauer und Tränen aber es hat mir geholfen, zu mir zu finden; mich anzunehmen; mich besser spüren zu können und liebevoller bzw. verständnisvoller mit mir umzugehen. Ich habe das Gefühl, langsam eine „richtige“ Wahrnehmung entwickelt zu haben; eine gesunde Wahrnehmung, die mir in den nächsten Jahre helfen kann, mich weiter im Leben zu halten und nicht nur zu überleben. Der „Funktionsmodus“ darf mich gern in schwierigen Zeiten beschützen; aber genauso sollte er dann auch wieder weichen, wenn sich die Situation verbessert. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht, wie in den letzten Jahren. Dass es immer einen Schritt vorwärts geht. Insbesondere dann, wenn ein Rückschlag oder Rückfall kommt. Ich wünsche mir, dass ich nie den Glauben an mich verliere und niemals aufgebe- egal was kommen mag. Weiterhin wünsche ich mir noch eine Verbesserung meiner Gesundheit. Ich habe noch zu oft Kopf- oder Magenschmerzen. Ich hoffe, diese durch Achtsamkeit und ein liebevolles Umfeld, durch Authentizität und Ehrlichkeit noch besser in den Griff zu bekommen. Der richtige Weg ist auch hier eingeschlagen, sollte aber konsequent weitergegangen werden.

Eben habe ich „muss“ statt „sollte“ geschrieben. Diese zwei Worte habe ich aber sofort ausgetauscht. „Müssen“ muss ich ab sofort gar nichts mehr. Aber ich „darf“ oder „soll“. Wenn ich z.B. morgens nicht aufstehen möchte, sag ich mir, dass ich es auch nicht muss aber ich darf aufstehen und am Leben teilnehmen. Jede noch so kleine Kleinigkeit am Tage hilft mir, den Moment zu genießen und zumindest kurz glücklich und zufrieden zu sein. Es gibt so viele kleine wunderbare, verzaubernde Dinge im Leben. Man darf und kann sie sehen, wenn man sich ihnen gegenüber öffnet. Wenn man bereit ist, sich auf Kleinigkeiten einzulassen, ist man bereit, loszulassen und dem Leben eine neue Chance zu geben. Es ist gar nicht so schwer. Man darf vom Leben einfach nicht zu viel erwarten sondern sollte seine Anforderungen und Ansprüche loslassen und das Leben auf sich zukommen lassen. Gespannt zu sein, was uns das Leben so bringt und für uns bereithält. Staunen, sehen und sich erfreuen. Es erhellt den Tag- und schlussendlich das ganz Leben.